Kinder, deren Eltern ein eigenes Geschäft führen, verbringen meist auch viel Zeit dort. Auch Marc Böhle war oft im Geschäft seiner Eltern. Er sah zu, wie sie Betten und Matratzen verkauften, wie sie bei Großhändlern die schönsten Kissen und Gardinen auswählten und im Sommer Blumenbettwäsche und im Winter Daunendecken ins Schaufenster legten. In den Ferien half er mit, anderen dabei zu helfen, die für sie richtige Matratze oder das passende Kissen zu finden, um besser schlafen zu können, – das gefiel ihm.

Deswegen fing Böhle 1992 nach einer Ausbildung zum Textilbetriebswirt im Geschäft seiner Familie an. „Rumöller Betten“ heißt es. Seit 2002 ist er Inhaber, da ging sein Vater in Rente. Heute leitet Marc Böhle eines der traditionsreichsten Unternehmen im Hamburger Einzelhandel. Über die 121-jährige Geschichte von „Rumöller Betten“ weiß er – wie könnte es auch anders sein – viel zu erzählen.

Sie beginnt im Jahr 1897 in Blankenese. In der Elbchaussee eröffnet Theodor Rumöller ein Geschäft für Betten, Bettwaren, Wäsche und Heimtextilien. „Th. Rumöller Manufactur und Aussteuer Geschäft“ nennt er seinen Laden. „Es war eine gute Zeit für Rumöller“, sagt Böhle. Denn das Deutsche Reich erhält nach dem Deutsch-Französischen Krieg Reparationszahlungen von Frankreich, die Menschen haben Geld.

Marc Böhles Großvater kauft das Bettenfachgeschäft nach dem Krieg

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges stirbt Theodor Rumöllers Sohn Max, der das Geschäft übernommen hatte. Seine Ehefrau führt den Laden weiter. In den ersten Jahren nach dem Krieg werden dort Lebensmittel und andere Gegenstände getauscht. „Geld brauchte ja direkt nach dem Krieg niemand“, sagt Böhle. 1956 kauft Marc Böhles Großvater, Heinrich Böhle, der Witwe den Laden ab. „Das Geschäft war damals sehr klein, 150 Quadratmeter“, sagt Böhle. Sein Großvater nennt es um in „Rumöller Betten“. Drei Jahre später steigt sein Vater mit ins Geschäft ein. In den Siebziger- und Achtzigerjahren erweitert seine Familie die Verkaufsfläche, erwirbt Nebengebäude und angrenzende Grundstücke. Heute ist das Stammhaus in Blankenese 900 Quadratmeter groß. 1993 hat Marc Böhle noch einen Laden im Elbe-Einkaufszentrum eröffnet und im vergangenen Jahr einen in der Hamburger Innenstadt.

Böhle ist froh, dass er seine Läden in Hamburg hat. Als Präsident des Verbandes der Bettenfachgeschäfte kennt er sich aus mit der Situation der Bettenfachhändler in Deutschland – die haben es derzeit nicht leicht. Hamburg sei als Standort aber von Vorteil. „Wir haben uns auf Bettwaren im gehobenen Mittel- bis Luxussegment spezialisiert. Das können Sie noch in anderen Großstädten mit einer hohen Kaufkraft machen, in kleineren Städten wird das schwierig.“

Seine Strategie: Individualität statt Massenware

Denn gerade für Bettenfachhändler, die Waren für mittlere oder niedrige Preise verkaufen, wird es immer schwieriger. Sie werden von Online-Händlern, Discountern und seit einigen Jahren auch von Start-ups, die verhältnismäßig günstige Einheitsmatratzen verkaufen, verdrängt. Deswegen sei es wichtig, sich klar zu positionieren, sagt Böhle. Seine Position: individuelle Produkte.

„Zu uns kommen Leute, die oft sehr genaue Vorstellungen davon haben, wie ihr Bett oder ihre Decke aussehen soll. Das setzen wir dann individuell um“, sagt er. Mit Betten oder Decken in Sondergrößen, mit ausgefallenen Materialien. Auch bei der Inneneinrichtung von Schlafzimmern berät seine Firma die Kunden. Außerdem stattet „Rumöller Betten“ die Schlafbereiche von Mega-Yachten aus – der Matratze bis zur mit einem Emblem bestickten Bettwäsche.

Marc Böhle ist jetzt 50 Jahre alt. Wie es mit seinem Unternehmen in der nächsten Generation weitergeht, weiß er noch nicht – seine Tochter ist erst 13 Jahre alt. Aber dass es weiter bestehen wird, davon ist er überzeugt.

Gefährdetes Geschäft:

In Deutschland gibt es etwa 1.000 Bettenfachgeschäfte. Jedes vierte wird in den kommenden drei bis fünf Jahren vom Markt verschwinden, schätzt der Verband der Bettenfachgeschäfte. Denn die Umsätze in der Branche stagnieren, und es herrscht ein starker Verdrängungswettbewerb. Darunter leiden vor allem die kleinen Einzelhändler. Denn sie können es weder mit der Marketingmacht der Matratzen-Start-ups aufnehmen noch mit der Kaufkraft und dem großen Angebot von Discountern wie Matratzen Concord und Möbelhäusern wie Ikea oder XXL Lutz.