Ohne den Süden wäre die deutsche Industrie nicht so stark. Viele große, weltweit agierende Unternehmen haben in Baden-Württemberg und Bayern ihren Sitz – aber auch die meisten deutschen Hidden Champions, die unbekannten Weltmarktführer. In Bayern wäre da beispielsweise die Kathrein-Gruppe, die führend in der Herstellung von Antennen und Satellitentechnik ist, oder Webasto, Weltmarktführer für Cabrio-Dächer. Es gibt aber auch Hidden Champions mit ungewöhnlicheren Geschäftsmodellen.

Eines dieser Unternehmen ist die Firma Dr. O.K. Wack Chemie aus Ingolstadt. Sie ist weltweit führend in der Reinigung von Platinen – dem Herzstück jeder Elektronik in Flugzeugen, Autos, Handys, Fernsehern oder Computern. Damit diese Geräte reibungslos funktionieren und lang halten, müssen die Leiterplatten gereinigt werden. Es gibt Unmengen an Platinen, aber nur sehr wenige Firmen weltweit, die sich auf ihre Reinigung spezialisiert haben – eine davon gehört der Familie Wack.

Damit Geräte länger halten

»Sie können sich eine Platine vorstellen wie eine flache Oberfläche, auf die verschiedene Bauteile geklebt werden«, sagt Wack. Der 43-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. »Damit die elektronischen Bauteile halten, wird eine Lötpaste aufgetragen. Im Verlötungsprozess entstehen Rückstände.« Würden diese Rückstände nicht entfernt, könne es zu einer Fehlfunktion wie einem Kurzschluss kommen – oder das Gerät gehe schnell kaputt. Und das will bei einem Flugzeug oder Auto ja niemand. Zestron heißt der Geschäftsbereich der Firma von Harald Wack, in dem es um die Elektronikreinigung geht. Genauer gesagt heißt das: Zestron verkauft anderen Unternehmen die Platinen-Reinigungsmittel und berät, welche Anlagen sie dafür nutzen können. »Es ist ein absoluter Nischenmarkt«, sagt Wack. Aber für die Firma mit ihren 250 Mitarbeitern und 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr reicht es, um Weltmarktführer zu sein. Wack hat kleine Unternehmen als Kunden, aber auch große wie Infineon, Apple oder Samsung. Eine Platine zu reinigen, koste etwa einen Euro, sagt er. Bei Produkten, die nicht so lange halten sollen – Handys etwa – sparten sich manche Unternehmen das Geld für die Reinigung. 

Die Platinen-Reinigung ist aber nur ein Geschäftsbereich der Gruppe. Denn Mitte der 70er-Jahre, als Oskar K. Wack, der Vater von Harald Wack, die Firma gründete, brauchte es die noch gar nicht. Oskar Wack begann mit etwas anderem: mit der Herstellung von Reinigungsmitteln für Edelstahltöpfe. 1940 geboren, machte er erst eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, danach holte er sein Abitur nach, promovierte in Chemie und arbeitete für Procter & Gamble. Dort betreute er das Putzmittel »Meister Proper«.

Nach ein paar Jahren hat er genug vom Angestelltendasein, entwickelt Reinigungsmittel für Edelstahltöpfe und macht sich selbstständig. Das ist 1975. Einige Zeit danach will er ein neues Auto kaufen, einen BMW. Das Auto hat schmutzige Felgen. Der Verkäufer beteuert, er habe schon alles probiert, um sie sauber zu kriegen. Wack, der sich mit Reinigungsmitteln auskennt, kauft das Auto – und entwickelt gleichzeitig einen Leichtmetall-Felgenreiniger. Das erste Produkt dieser Art weltweit. Es folgen weitere Reinigungs- und Pflegeprodukte für Autos, Motorräder und Fahrräder. Mit der Elektronikreinigung beginnt er 1992. Sein Sohn Harald Wack übernimmt die Firma 2012.

Intelligente Etiketten

Die wenigsten Menschen beschäftigen sich im Alltag bewusst mit Platinen, auch wenn sie ständig von ihnen umgeben sind. Ähnlich ist das mit den Produkten der Schreiner Group aus Oberschleißheim: Vermutlich sind die meisten schon mal mit ihnen in Berührung gekommen – ohne es zu wissen. Etwa dann, wenn sie den Rubbel-Pin in einem Brief der Bank entfernt oder eine Feinstaub-Plakette an ihrem Auto angebracht haben. Das Unternehmen im Norden von München stellt Hightech-Etiketten her – für Pharmaunternehmen, Automobilhersteller, Banken und Behörden.

Roland Schreiner, 46 Jahre alt, führt das Unternehmen seit 2012 in dritter Generation. Die Schreiner Group ist ein Unternehmen mit 1100 Mitarbeitern, einem Jahresumsatz von 170 Millionen Euro. Ein Familienunternehmen, das international erfolgreich ist, schon mehr als 450 Patente angemeldet hat und seine Produkte überall auf der Welt verkauft. Die Anfänge vor 65 Jahren aber waren schwierig.

Es ist einer dieser Tage im Krieg: Theodor Schreiner und sein Kamerad liegen im Schützengraben, um sie herum fallen Schüsse, die russischen Panzer sind nur noch ein paar Meter entfernt. Sie haben Angst. »Wenn wir hier je wieder rauskommen, dann gründen wir gemeinsam eine Firma«, sagt Walter Hipp, der Kamerad. Er ist Graveur und träumt davon, eines Tages mit Siegelmarken Geld zu verdienen. Theodor Schreiner gefällt die Idee. Beide Soldaten überleben, doch Schreiner gerät nach 1945 zunächst in Kriegsgefangenschaft, ihre Wege trennen sich.

Als er schließlich heimkommt, ohne Geld, ohne Arbeit, erinnert er sich an die Idee aus dem Schützengraben. 1951 gründet Schreiner eine eigene Firma, »M. Schreiner. Spezialfabrik für geprägte Siegelmarken und Etiketten«, benannt nach seiner Frau Margarete. Das junge Ehepaar stellt Plaketten her, die an die Wand genagelt werden können und Brot- und Strumpfmarken. Erst in der Garage einer Tante Gretel in München, dann in einem alten Wirtshaussaal.

»Man hat gebastelt und geschaut, dass man irgendwas zusammenbringt. Das war ein harter Weg«, erinnert sich Roland Schreiner, der Enkel. In den 60er-Jahren beginnen die beiden, mit selbstklebenden Etiketten zu experimentieren. »Etiketten-Schreiner« nennt sich der Familienbetrieb und produziert unter anderem für die Kosmetikbranche.

Anfang der Achtzigerjahre orientiert sich das Unternehmen hin zur technischen Industrie – produziert Etiketten, die mit einem Computer nachträglich beschriftet werden können. Diese »Typenschilder« sieht man heute zum Beispiel in Autos, an Kühlschränken oder Waschmaschinen mit Angaben zum Hersteller oder der Seriennummer.

Ein paar Jahre später kommt die Pharmaindustrie als weiteres Geschäftsfeld hinzu – das Unternehmen entwickelt das »Pharma-Tac«, ein Etikett mit Aufhängebügel für Infusionsflaschen. Zu einer erfolgreichen Erfindung wird auch »Needle-Trap«: ein Nadelschutzetikett für Spritzen, das Ärzte und Krankenschwestern vor Stichverletzungen und Infektionen schützen soll. Dieser Schutz funktioniert so: Nach dem Benutzung der Spritze wird das orange Kunststoffteil über die Nadel geklappt – man kann sich nicht mehr daran stechen. Weitere Innovationen aus dem Hause: die Autobahnvignette, die Lichtbildschutzfolie für den Sozialversicherungsausweis und oder auch die Feinstaubplakette.

Investieren für Innovationen

Für seine Erfindungen wurde das Unternehmen schon mit zahlreichen Innovationspreisen ausgezeichnet. Auch aus diesem Grund ist die Schreiner Group ein typischer deutscher Hidden Champion: ein kaum bekanntes Unternehmen, das sich eine weltweit herausragende Marktposition erarbeitet hat, weil es viel Geld in die Entwicklung neuer Technologien steckt. Herrmann Simon zufolge, einem der bekanntesten Hidden-Champions-Forscher, ist genau das eines der Erfolgsgeheimnisse der unbekannten Weltmarktführer.

Die Familie von Harald Wack ist übrigens nicht weniger innovativ: Sein Neffe Michael hat kürzlich mit dem Start-up »IdentPro« einen dritten Geschäftsbereich aufgemacht – dabei geht es um ein 3-D-gestütztes Staplerleitsystem. Auch darin sind sie in Ingolstadt nun schon Weltmarktführer.

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