Man hört immer wieder die These, dass gerade deutsche KMU die Digitalisierung verschlafen haben und jetzt – auch im internationalen Vergleich – hinterherhinken. Ist das auch Ihre Einschätzung? Oder sind es eher Einzelfälle, die sich bislang der Digitalisierung verwehrt haben? 

Pauschal lässt sich nicht sagen, dass der deutsche Mittelstand die Digitalisierung verschlafen hat. Gerade kleine Unternehmen sehen in der Digitalisierung durchaus auch eine Chance, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Immerhin eröffnet sich diesen Unternehmen die Möglichkeit, mit überschaubaren Mitteln beispielsweise einen professionellen Webauftritt zu schaffen, wie man ihn von großen Unternehmen kennt. Auf der anderen Seite tun sich viele tradierte mittelständische Unternehmen unglaublich schwer, in Sachen Digitalisierung nachzuziehen. Teilweise wurden hier dann also wirklich fünf, wenn nicht sogar zehn Jahre verschlafen. Prinzipiell muss man sagen, dass Deutschland im internationalen Vergleich beim Grad der Digitalisierung eher im Mittefeld zu verorten ist, was für einen Technologiestandort wie Deutschland, der in vielen Feldern eine Vorreiterstellung hat, sehr schade ist.

Woran liegt es, dass einige KMU bislang vor einer Digitalisierung ihrer Arbeitsprozesse zurückgeschreckt sind? Welche Herausforderungen und Ängste spielen hier eine Rolle?

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern gibt es in Deutschland leider keine Kultur, die neue Ideen und den Einsatz neuer Medien bzw. digitaler Prozesse fördert. Im Gegenteil: Wer als Startup mit einem neuen Ansatz scheitert, ist schon fast stigmatisiert. Das ist eines der Probleme, die den Weg zur Digitalisierung verbauen. Zudem sehen viele Unternehmen noch primär die Risiken, als sich zu fragen, welches Potenzial hinter der Digitalisierung steckt.

Außerdem spielen hier natürlich auch Kostenfaktoren eine Rolle, zumal teilweise das Verständnis für anfallende Kosten einfach nicht da ist.

Was sind die handfesten Gründe, die mittelständische Unternehmen letztlich dazu bewegen, den Sprung ins Digitale zu wagen?

Einerseits kann ein Generationswechsel – nicht unbedingt nur in der Geschäftsführung, sondern auch in den zentralen Organen eines KMU wie in Vertrieb, Marketing oder IT – den entscheidenden Anstoß für den Sprung in die Digitalisierung geben. Andererseits ist es oftmals schlicht der Druck durch den Wettbewerb, der den Stein ins Rollen bringt. Wer merkt, dass das Geschäft rückläufig ist und zunehmend mit ausländischen, ganz anders aufgestellten Mitbewerbern konkurrieren muss, ist eher geneigt, neue Wege zu gehen.

Quotation mark

„Zu einem Spartarif lassen sich aber eben weder interne Arbeitsabläufe digitalisieren noch digitale Kanäle zur Kundenbindung und Kundengewinnung sinnvoll nutzen.“

André Gebel

Gibt es typische Fehler, die dem Gros der kleinen und mittelständischen Unternehmen im Zuge der Umstellung von Offline zu Online unterlaufen? Welche Fehler sind das? Wie können diese typischen Anfängerfehler vermieden werden?

Ein typisches Problemfeld ist das Thema Kostenbewusstsein. Wer die Chancen auf Einsparungen durch eine Optimierung der betrieblichen Abläufe und durch den Gewinn neuer Kunden nicht sieht, wird versuchen zu sparen. Zu einem Spartarif lassen sich aber eben weder interne Arbeitsabläufe digitalisieren noch digitale Kanäle zur Kundenbindung und Kundengewinnung sinnvoll nutzen.

Der zweite Fehler, den viele Unternehmen machen: Sie nehmen nicht alle Mitarbeiter mit. Bei einem Projekt wie der Digitalisierung bringt es aber nichts, wenn nur zwei bis drei Mitarbeiter motiviert sind und sich der Rest nicht für die Umstellung erwärmen kann. Wichtig bei dem Entwurf von Digitalisierungsstrategien ist es daher, immer alle Stakeholder von Anfang an mit an den Tisch zu holen und hier nötigenfalls auch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Welchen Tipp für die anstehende Digitalisierung würden Sie Unternehmen mit auf den Weg geben?

Ich rate dazu, das Thema Digitalisierung schrittweise anzugehen. KMU sollten versuchen, die Komplexität eines digitalen Projekts in Einzelschritte zu zerlegen und so das Wichtigste zuerst und möglichst schnell zu lösen, um im Nachhinein zu optimieren. „Agiles Arbeiten“ ist eine Headline, die hier die richtige Richtung weist.

Hand aufs Herz: Sollte prinzipiell jedes kleine Unternehmen mit dem richtigen Know-how so weit wie möglich digital arbeiten? Oder gibt es Szenarien, in denen Unternehmen (oder ganze Branchen) von einer Umstellung von Offline zu Online (noch) nicht profitieren und ihr Kapital – gerade mit Blick auf den Wettbewerbsdruck – besser anderweitig investieren?

Natürlich kann man sich darüber streiten, wie digital ein Kiosk sein muss. Aber im Grunde spielt das Thema Digitalisierung heute bei nahezu jedem kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Rolle. Selbst unsere private Welt ist heute schon so digital, dass kein Unternehmen mehr darum herumkommt, in der einen oder anderen Weise digitale Produkte zu nutzen, bzw. digitale Prozesse einzuführen. Das betrifft sowohl interne Prozesse als auch die Außendarstellung. Allein das Thema E-Commerce dürfte für ein Gros der Unternehmen tatsächlich interessant sein.

Herr Gebel, vielen Dank für das Gespräch!