Carsten Brzeski - Gefährdete Berufe

Digitalisierung des Mittelstandes

Welche Berufe sind durch die Digitalisierung gefährdet?

„Millionen Jobs fallen weg“, titelte die FAZ am 17.01.2016 und stützte sich dabei auf eine aktuelle Umfrage unter Top-Managern der 350 größten Konzerne der Welt. Demnach müssen sich Industrieländer auf insgesamt rund fünf Millionen Arbeitsplatzverluste gefasst machen – Schuld sei die Industrie 4.0. Kann diese Prognose wirklich stimmen? 

Wir haben mit jemandem gesprochen, der es wissen muss: Carsten Brzeski ist Chefvolkswirt bei der ING-DiBa und anerkannter Experte für wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland und Europa. Zum Thema Automatisierung haben er und sein Research Team im April 2015 eine umfassende Studie veröffentlicht. 

Herr Brzeski, welche Entwicklungen in der Digitalisierung der Arbeitswelt beobachten Sie im Moment?

Carsten Brzeski: Der digitale Wandel findet bereits statt – zu Arbeitsplatzverlusten in Millionenhöhe wird es trotzdem nicht sofort kommen. Ich halte auch nichts von der Annahme, dass Menschen von Maschinen als Arbeitskräfte vollständig ersetzt werden. Vor allem werden sich die auszuführenden Tätigkeiten durch neue Technologien verändern. Das war schließlich schon immer so: An eine Sekretärin stellten sich vor 30 Jahren auch noch ganz andere Anforderungen als heute. Die Technologie verändert die Arbeitswelt, und der Mensch passt sich den neuen Herausforderungen an. So wird das auch in Zukunft sein. Ein Beispiel: Die Person, die die Maschine bisher bedient hat, wird sie nun auch warten und pflegen müssen. 

Werden diese Veränderungen vor allem den Niedriglohnsektor mit un- und angelernten Arbeitern beeinflussen, oder müssen auch hochqualifizierte Menschen um ihren Job fürchten?

Veränderungen und technischer Fortschritt kosten leider immer Arbeitsplätze. Und bisher war es tatsächlich so, dass eigentlich immer nur der Niedriglohnsektor betroffen war – jetzt allerdings werden wir sehen, dass auch höher- oder hochqualifizierte Berufe davon betroffen sein können. Nehmen wir die Anzahl der Buchhalter: Die ist in den letzten Jahren um rund 20 Prozent zurückgegangen. Ähnliches gilt für die Druckindustrie, auch hier sind eine Menge hochqualifizierter und akademischer Jobs verloren gegangen. Auf der anderen Seite ist die Zahl der ungelernten Hilfskräfte gestiegen – ganz konträr zur Erwartung. 

Warum ist das so?

Das liegt vermutlich daran, dass sich der Arbeitsmarkt sehr verändert hat – hin zu flexibleren Arbeitszeiten und geringeren Löhnen. Es rechnet sich vermutlich nicht, Berufe wie Hilfskräfte durch Maschinen zu ersetzen und somit wegzurationalisieren. Das gilt für den gesamten Bereich: Das größte Wachstum von Arbeitsplätzen findet momentan im Dienstleistungssektor statt. 

Aber gerade hier wären Jobs doch ganz einfach zu ersetzen – im Callcenter zum Beispiel.

Trotz der ganzen Automatisierung herrscht offensichtlich ein Bedarf, mit Menschen und nicht mit Maschinen zu sprechen – die Anzahl der Callcenter-Angestellten hat sogar zugenommen. Wenn es um flexible Interaktion geht, kann die jetzige Technologie nicht mithalten – zumindest noch nicht. 

Quotation mark

Es wird auf eine Kombination von Mensch und Maschine hinauslaufen.

Könnten auch stark empathische Tätigkeiten – etwa Pflegeberufe – eines Tages von Robotern übernommen werden?

Meine persönliche Einschätzung ist: Es wird auf eine Kombination aus Mensch und Maschine hinauslaufen. Mit Sicherheit werden Roboter in den Gesundheitsbereich integriert werden und zum Beispiel in der Alten- und Krankenpflege zum Einsatz kommen. Allerdings denke ich auch, dass hier in Zukunft auch deutlich mehr Menschen einen Arbeitsplatz finden werden. Aus einem einfachen Grund: Angesichts des demografischen Wandels werden im Pflegesektor in den kommenden Jahren und Jahrzehnten viele Arbeitsplätze entstehen, weil die Gesellschaft immer älter wird und wir immer mehr Menschen haben werden, die Pflege und Hilfe benötigen. Und selbstverständlich darf gerade in diesem Bereich die menschliche Komponente nicht fehlen. Die Roboterhand wird die menschliche Hand mit ihrer Empathie und Aufmerksamkeit nie ersetzen können. 

In vielen Produktionsbetrieben laufen bereits Tests, in denen Roboter und Mensch Seite an Seite arbeiten. Denken Sie, es wird künftig normal sein, Roboter als „Arbeitskollegen“ zu haben?

Oft wird ja vorausgesagt, dass die Maschine den Menschen ersetzen wird – ich denke aber, wir werden nur viel mehr mit Maschinen zusammenarbeiten, sei es nun im Gesundheitssektor oder am Servicedesk. In vielen Bereichen werden wir uns an unseren neuen Freund, den Roboter, gewöhnen müssen. 

Das Weltwirtschaftsforum hat kürzlich geschätzt, dass durch die Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren fünf Millionen Arbeitsplätze in den Industrieländern wegfallen. Wie realistisch ist diese Zahl?

Eine von uns durchgeführte Studie hat ergeben, dass in Deutschland 18 Millionen Arbeitsplätze durch die Automatisierung und Digitalisierung gefährdet sind – allen voran administrative Tätigkeiten. Diese Zahl scheint daher durchaus realistisch. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass die Industrie 4.0 auch viele Millionen Arbeitsplätze schafft – besonders im IT-Bereich. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich alles weiterentwickelt und vor allem wie schnell.

Herr Brzeski, vielen Dank für das Interview.

Carsten Brzeski

ist Chefvolkswirt bei der ING-DiBa und anerkannter Experte für wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland und Europa.

ING -DiBa

Die ING-DiBa ist eine Direktbank, die 1965 gegründet wurde. Ihr Firmensitz liegt in Frankfurt am Main. Sie ist das Tochterunternehmen des niederländischen Finanz-Unternehmens ING Groep.

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