Industrie 4.0

Quelle: Trumpf

Digitalisierung des Mittelstandes

Industrie 4.0: Die vollautomatische Produktion 

Industrie 4.0 – keine Entwicklung sorgt im produzierenden Gewerbe derzeit für größere Umwälzungen. Und kein anderes Projekt bietet so vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Ein schwäbischer Maschinenbauer hat den Weg in die vollautomatische Produktion gewagt.

Im baden-württembergischen Gerlingen, 15 Kilometer westlich von Stuttgart, ist die Zukunft angekommen: Im örtlichen Trumpfwerk fertigen 94 Mitarbeiter Blechwerkzeuge für Kunden der unterschiedlichsten Branchen – und jedes einzelne Werkzeug ist ein Unikat. Werksleiter Markus Hees sagt: »Wir müssen eine ganz ähnliche Komplexität beherrschen wie viele unserer Kunden. Und genau wie für sie kommt es auch für uns auf die Geschwindigkeit an, mit der wir sie bewältigen.«

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Langsamkeit ist tödlich.

Möglich wird das dem Traditionsunternehmen dadurch, dass es seine Fertigungsprozesse immer weiter digitalisiert und seine Maschinen immer enger miteinander vernetzt. Trumpf ist weltweit tätig auf den Geschäftsfeldern Werkzeugmaschinen für die flexible Blechbearbeitung, industrielle Laser und Elektronik. Im abgelaufenen Geschäftsjahr erwirtschaftete das schwäbische Unternehmen mit rund 11.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 2,58 Milliarden Euro. Die Produktionsstandorte befinden sich in Deutschland, Europa, China, Japan, Mexiko und in den USA.

Probleme des Kunden verstehen

In Fertigungsbetrieben wie Trumpf werden die Abläufe rasant komplexer. Inzwischen liefern Sensoren auf der ganzen Fertigungsstrecke Daten in Echtzeit via Funk auf die Handys und Tablets der Mitarbeiter und sorgen so für kürzere Reaktionszeiten. Eberhard Wahl, Wirtschaftsingenieur und Leiter des Produktmanagements flexible Blechfertigung, sagt: »Für viele Kunden ist es heute entscheidend, wie schnell, flexibel und effizient sie einen Auftrag ausführen können. Langsamkeit ist tödlich.«

Jahr für Jahr ist Wahl bei mindestens 60 Kunden zu Besuch, erkundigt sich nach dem Gang ihrer Geschäfte, nach den Herausforderungen, vor denen sie stehen, und nach den Dingen, mit denen Trumpf sie möglicherweise unterstützen könnte. Das Wichtigste bei seiner Beratertätigkeit, sagt Wahl, sei die Fähigkeit, gut zuhören zu können. Die richtigen Fragen zu stellen. Und erst einmal genau zu verstehen lernen, wo die Probleme des Kunden liegen.

Um zu veranschaulichen, wo das Kernproblem vieler Unternehmen liegt, zeigt Wahl ein Präsentationschart, das er auch gern »Spaghetti-Bild« nennt: Das Chart zeigt vom Auftragseingang bis zum Versand eines fertigen Endprodukts alle typischen Arbeitsstationen und -abläufe in einem beispielhaften Fertigungsbetrieb. Zwischen diesen Stationen verlaufen zahlreiche rote und blaue Linien: Blau steht dabei für Informationen, Rot für Materialflüsse. Zusammen bilden sie ein verworrenes Knäuel, ähnlich einer Portion Nudeln. »Sie sehen hier die enorme Komplexität in Fertigungsbetrieben«, sagt Wahl. »Gerade kleine und mittlere Unternehmen können die Vielfalt an Herausforderungen allein durch Standardprozesse kaum noch bewältigen.«

Alle Prozesse ständig optimieren

Gleichzeitig verlangen Individualisierung, Globalisierung sowie der steigende Zeit- und Kostendruck genau das: trotz der verworrenen Prozesse immer effizienter zu arbeiten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Was viele Kunden daher bräuchten, sei eine grundlegende Überprüfung und Optimierung ihrer Arbeitsprozesse, sagt Trumpf-Mann Wahl. »Früher reichte unseren Kunden eine gute Stanzmaschine, um sich im Wettbewerb differenzieren zu können. Heute müssen sie sämtliche Geschäftsabläufe auf Optimierungspotenziale überprüfen und sich in einen fortlaufenden Veränderungsprozess begeben.«

Diese Aufgabe übernimmt Trumpf ein Stück weit für seine Kunden. Zum Beispiel bei der Angebotserstellung, die manchmal mehrere Tage beansprucht. Mit der entsprechenden Software lassen sich Angebote individualisieren. So entsteht ein Webshop mit integrierter Kalkulationssoftware, der den potenziellen Auftraggebern des Kunden in Echtzeit anzeigt, welche Produkte innerhalb welcher Frist und zu welchem Preis verfügbar sind.

So einfach wie Online-Banking

Transparenz und eine effektive Steuerung der Fertigung sollen so einfach werden wie die Nutzung eines Bankkontos. »Wir glauben fest daran, dass Industrie 4.0 geeignete Werkzeuge bietet, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden zu erhalten, insbesondere auch an Standorten in Hochlohnländern«, sagt Wahl.

Und damit das so ist, hat sich das Gerlinger Werk in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. In einem eigenen Abschnitt der Werkshalle arbeiten heute vier vollautomatische Bearbeitungsmaschinen, die zwar vor Ort von Trumpf-Mitarbeitern überwacht und gewartet werden, letztlich aber von den Kunden überall auf der Welt mit Aufträgen beschickt werden. Der Kunde loggt sich über ein Portal ein und kann dann selbst ein benötigtes Stanzwerkzeug konfigurieren. Daraufhin entscheidet das Shopsystem selbsttätig, welche Maschine den Auftrag übernimmt und nach welcher Priorität er abgearbeitet wird. Dadurch entfällt nicht nur der Prozess der Auftragsannahme und -verarbeitung, auch die Produktion selbst beschleunigt sich deutlich. Da die Maschinen sieben Tage in der Woche rund um die Uhr arbeiten, folgen sie ganz anderen Gesetzen als den Schicht- und Arbeitsplänen eines klassischen Werks. Und auch für die Mitarbeiter sind die Arbeitszeiten fließender geworden. Ein »Bündnis für Arbeit« sieht vor, dass die Mitarbeiter bis zu 1000 Überstunden auf ein Zeitkonto einzahlen und später nutzen können. Für längere Reisen, Weiterbildungen – oder um einfach mal eine Auszeit zu nehmen.

Enormes Tempo

Der Gerlinger Werksleiter Markus Hees hat bemerkt, dass die eingehenden Kundenbestellungen täglich um bis zu 50 Prozent schwanken. Warum, bleibt ihm ein Rätsel, letztlich entscheidend aber ist, dass jedes gewünschte Stanzwerkzeug so schnell wie nur irgend möglich beim Kunden ankommt. Theoretisch können die Kunden aus rund 31 Millionen Werkzeugvarianten wählen.

»Als ich 2001 bei Trumpf anfing, brauchten wir für einen Auftrag im Schnitt noch acht bis zehn Tage«, erinnert sich Hees, als spräche er von einer lange vergangenen Zeit. »Heute ist unsere Lieferzeit auf durchschnittlich drei Tage gesunken. Und wenn der Kunde es besonders eilig hat, liefern wir ihm ein bis 14 Uhr bestelltes Stanzwerkzeug sogar noch am selben Tag aus.« Für Markus Hees liegt im enormen Tempo lediglich ein Vorteil der Fertigung 4.0. Ein mindestens ebenso großer steckt in sinkenden Kosten und intelligenteren Prozessen, die ein digitalisiertes und vernetztes Produktionssystem ermöglicht.

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2001 brauchten wir bei Trumpf für einen Auftrag im Schnitt noch acht bis zehn Tage.

An einer neuen Maschine wird gerade ein weiteres Stück Zukunft erprobt: Jeder Rohling wird von einem Laser mit einem Code beschriftet. »Unsere Kunden können von der Auftragsvergabe bis zur Auslieferung per Kurier stets verfolgen, in welchem Stadium sich ihr Auftrag aktuell befindet.« Wie die Paketverfolgung bei der Post. Noch vor einem Jahrzehnt hätte niemand bei Trumpf gedacht, wie schnell sich alles ändern kann: eben noch schwäbischer Maschinenbauer – und schon Softwarehaus. Aber eines, das global wettbewerbsfähig geworden ist.

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1923 von Christian Trumpf  gegründet, beginnt die Firma Trumpf zunächst damit, dass  sie Metall für den zahnärztlichen und Druckereibedarf biegt.  Vor allem die Aushauscheren werden ab den 1950er Jahren weltweit vertrieben. Vollautomatische Werkzeugmaschinen  folgen. 1979 kommt zum ersten Mal Lasertechnik zum Einsatz. Seit 2005 wird das Ditzinger  Unternehmen von Nicola Leibinger-Kammüller geführt. Es  erwirtschaftete im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz  von rund 2,6 Milliarden Euro.