Das Fraunhofer-Institut zur Digitalisierung der Supply Chain

Bereits 2016 führte das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik eine umfassende Studie zur Supply-Chain-Digitalisierung durch. Die Studie belegt, dass der operative Einkauf aussterben und bereits in naher Zukunft der komplette operative und administrative Bereich digitalisiert sein wird. Auch wird sich laut Studie die Mitarbeiteranzahl sowohl im operativen als auch strategischen Bereich künftig reduzieren. Aber: Die zentrale Rolle des Menschen im Einkauf bleibt laut Studie bestehen. Der persönliche Kontakt ist nach wie vor sehr wichtig. Der Mensch ist und bleibt entscheidender Faktor in Verhandlungen und Lieferbeziehungen. Persönliche Beziehungen sind auch zukünftig von hoher Bedeutung.

Wie steht es um die Digitalisierung der Supply Chain in deutschen Unternehmen?

Im Juli 2017 befragte die Beratungsgesellschaft Emporias im Rahmen der Studie „Supply Chain Management in deutschen Industrieunternehmen 2017: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ 104 Entscheider aus mittelständischen und großen Industrieunternehmen konkret zu den Abläufen in der Supply Chain. Die Studie macht deutlich: Die Probleme ziehen sich entlang der gesamten Supply Chain, finden sich in der Beschaffung ebenso wie in Transport und Auftragsabwicklung.

Ist smarte, digitale Logistik die Lösung?

Viele der Probleme lassen sich zweifelsohne dank der Vorteile der Digitalisierung lösen. Aber sie ist nicht das Allheilmittel. Wie eine Studie der Harvard Business School zeigt, sind die größten Fehlerquellen in der Supply Chain ganz woanders zu suchen: beim Menschen. Rogelio Oliva und Noel Watson, Professoren an der Harvard Business School, untersuchten im Rahmen einer Metastudie wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Einkauf und SCM. Ihr Ergebnis: Die Digitalisierung der Supply Chain bietet viel Optimierungspotenzial, insgesamt wird der Einfluss des Menschen auf die Lieferkette aber viel zu wenig berücksichtigt.

Die These der Wissenschaftler: Wenn es in der Lieferkette zu Störungen und Fehlern kommt, ist das fast immer auf Dynamiken zurückzuführen, die durch den Faktor Mensch ausgelöst wurden. Den Grund dafür sehen die Professoren in der Annahme, dass selbst erfahrene Logistikmanager nicht immer rational handeln. Kurzum: Menschen sind fehlbar und deshalb der größte Unsicherheitsfaktor in der Logistik.

Der Faktor Mensch wird bei der Digitalisierung der Supply Chain oft unterschätzt

Die Mehrheit der Studien, die die Wissenschaftler analysiert haben, geht von einem optimierenden Ansatz aus. Das heißt: Diese Studien setzen voraus, dass es ausschließlich rationale Entscheidungsträger gibt. Doch die Realität sieht anders aus: Lieferketten sind komplex. Sie zu steuern, das bedeutet, viele Variablen gleichzeitig zu koordinieren. Selbst erfahrene Logistikmanager handeln dabei nicht immer rational. Das ist laut der beiden Wissenschaftler kein Fehler im System, sondern einfach eine wichtige weitere Variable, die einzukalkulieren ist.

Menschen neigen zu Vereinfachungen

Wer den Faktor Mensch berücksichtigt, so die beiden Professoren weiter, stärkt die Leistungsfähigkeit seiner Supply Chain. Dafür müssen wir verstehen, wie Menschen mit Komplexität umgehen: Ist etwas komplex, versuchen wir, diese Komplexität zu minimieren, indem wir Problemräume einengen und die Zahl der Variablen senken. So handhaben es auch die meisten Supply Chain Manager: Sie neigen dazu, ihre Entscheidungen so zu treffen, dass sie bereits den Input der Daten möglichst niedrig halten. Hinzu kommen vereinfachende Lösungsansätze (Short Cuts) bei der Lösungsfindung. Der Vorteil dabei ist, dass sich auch hochkomplexe Supply Chains koordinieren lassen, jedoch sind die Ergebnisse der Entscheidungen suboptimal.

Fazit

Der Faktor Mensch wird bei der Digitalisierung der Supply Chain oft unterschätzt – und im Rahmen der Digitalisierung nicht verschwinden. Wer lernen will, besser mit dem Faktor Mensch im Supply Chain Management umzugehen, muss das eigene Handeln beständig hinterfragen. Der Tipp der Wissenschaftler Rogelio Oliva und Noel Watson: Die Hilfe Dritter in Form einer Art Supervision in Anspruch nehmen. Schließlich erkennen wir Menschen die Fehler anderer meist leicht. Die eigenen Fehler hingegen übersehen wir nur zu gern.