Unter dem Sicherheitsbestand wird der Lagerbestand verstanden, der benötigt wird, um die Produktion bzw. die Lieferung auch bei bestehenden Unsicherheiten zu gewährleisten. Für jedes einzelne Beschaffungsgut bzw. für jeden einzelnen Lieferanten muss ein eigener Sicherheitsbestand bestimmt werden, da dieser sowohl Lieferverzögerung, Lieferfehlmengen, aber auch Qualitätsmängel des Lieferanten mit abdeckt.

Insgesamt werden durch den Sicherheitsbestand drei Unsicherheiten abgedeckt:

Während bei der Lieferunsicherheit Ist-Lieferzeit nicht der Soll-Lieferzeit entspricht, ist die Bedarfssicherheit dadurch gekennzeichnet, dass der ermittelte Bedarf nicht mit dem tatsächlichen Bedarf pro Tag übereinstimmt. Von der Bestandsunsicherheit spricht man, wenn der Buchbestand vom Lagerbestand abweicht.

Die Sicherheitsbestand-Formel deckt jedoch nicht nur Unsicherheiten ab, er verursacht auch Kosten: Lagerkosten. Andererseits kann ein zu gering angesetzter Sicherheitsbestand Ihre Produktion für Tage oder Wochen lahmlegen oder Sie selbst in Lieferverzug bringen.

Der Sicherheitsbestand sollte also so hoch wie nötig, aber so gering wie möglich gehalten werden. 

Die Ermittlung des Sicherheitsbestandes

Für die Ermittlung des Sicherheitsbestandes gibt es zwei Ansätze, nämlich die Wiederbeschaffungszeit und den Servicegrad. 

Berechnung des Sicherheitsbestandes unter Verwendung der Wiederbeschaffungszeit

Die Wiederbeschaffungszeit ist der Zeitraum von der Bestellung bis zum Eingang im Lager. Neben der Bestellabwicklung im eigenen Haus und der Auftragsbearbeitung beim Lieferanten zählen der Transport, die Erfassung des Wareneingangs, aber auch die Qualitätskontrolle und die Einlagerung zur Wiederbeschaffungszeit. Je länger die Wiederbeschaffungszeit für ein Beschaffungsgut ist, desto höher ist der Sicherheitsbestand.

Zu berücksichtigen ist dabei, dass Ihr Sicherheitsbestand unmittelbar vom Sicherheitsbestand Ihres Lieferanten abhängig ist, denn der Sicherheitsbestand Ihres Lieferanten bestimmt Ihre Wiederbeschaffungszeit.

Es gibt drei verschiedene Methoden für die Ermittlung Ihres Sicherheitsbestandes:

  1. Generell angewendete Praxisformel
  2. Formel zur Deckung von Mehrverbrauch und Lieferverzögerungen
  3. Formel zur Deckung des durchschnittlichen Verbrauchs für den Zeitraum der Wiederbeschaffung 

1. Sicherheitsbestand-Formel: Generell angewendete Praxisformel

Die generelle Praxisformel ist eine vereinfachte Bestimmung des Sicherheitsbestandes. Gemäß dieser Praxisformel sollten Sie ein Drittel des in der Wiederbeschaffungszeit üblichen Verbrauchs als Sicherheitsbestand festlegen:

1/3 * Verbrauch in der Wiederbeschaffungszeit 

Ausgehend von einem täglichen Verbrauch von 900 Stück und einer Wiederbeschaffungszeit von 10 Tagen ergibt sich folgende Beispielrechnung:

1/3 * (900 Stück * 10 Tage) = 3.000 Stück Sicherheitsbestand 

2. Formel zur Deckung von Mehrverbrauch und Lieferverzögerungen

Es kann nötig sein, bei der Berechnung des Sicherheitsbestandes aktuelle Mehrverbräuche, wie sie beispielsweise saisonal bedingt sein können, und Lieferverzögerungen verstärkt zu berücksichtigen:

Wiederbeschaffungszeit * Mehrverbrauch + Lieferverzögerung * (Durchschnittsverbrauch + Mehrverbrauch) 

Ausgehend von einem Tagesmehrverbrauch von 100 Stück und einer Lieferverzögerung durch den Lieferanten von 3 Tagen ergibt sich folgende erweiterte Beispielrechnung:

10 Tage * 100 Stück + 3 Tage * (900 Stück + 100 Stück) = 4.000 Stück Sicherheitsbestand 

3. Formel zur Deckung des durchschnittlichen Verbrauchs für den Zeitraum der Wiederbeschaffung

Die dritte Möglichkeit der Ermittlung des Sicherheitsbestandes im Zusammenhang mit der Wiederbeschaffungszeit ist der Sicherheitsbestand zur Deckung des durchschnittlichen Tagesverbrauchs:

Wiederbeschaffungszeit * durchschnittlicher Tagesverbrauch 

Der Beispielrechnung folgend ergibt dies:

10 Tage * 900 Stück = 9.000 Stück Sicherheitsbestand 

Bewertung der drei Methoden für die Ermittlung des Sicherheitsbestandes

Alle drei Methoden helfen Ihnen bei der Ermittlung Ihres Sicherheitsbestandes. Während die generelle Praxisformel eine vereinfachte Methode darstellt, ist das Vorgehen bei den beiden anderen Methoden etwas detaillierter und der errechnete Sicherheitsbestand sehr genau.

Insbesondere, wenn Ihnen bekannt ist, dass Ihr aktueller Verbrauch höher liegt als Ihr durchschnittlicher Tagesverbrauch und /oder aktuelle Lieferverzögerungen beispielsweise aufgrund erhöhter Nachfrage beim Lieferanten auftreten, sollten Sie die zweite Methode zur Berechnung heranziehen.

Ohne derartige Vorkommnisse ist die dritte Möglichkeit der Ermittlung über die Wiederbeschaffungszeit und den durchschnittlichen Verbrauch pro Tag, die passende Berechnungsmethode für Ihren Sicherheitsbestand. 

 

 

Berechnung des Sicherheitsbestandes unter Verwendung des Servicegrads

Die Ermittlung des Sicherheitsbestandes über den Servicegrad stellt auf die Wahrscheinlichkeitsberechnung ab. Der Servicegrad wird in Prozent angegeben und gibt dabei an, wie viel Prozent Ihrer Lieferungen im Jahr ohne Fehlmengen erfolgen sollen. Bei einem Servicegrad von beispielsweise 98 % dulden Sie nur bei 2 % Ihrer Lieferungen Fehlmengen. 

Der Sicherheitsbestand wird folgendermaßen berechnet:

Sicherheitsfaktor * Standardabweichung 

Je nachdem, welchen Servicegrad Sie festlegen, ergibt sich daraus ein fester Sicherheitsfaktor, den Sie der hier abgebildeten Tabelle entnehmen können.
 

Servicegrad Sicherheitsfaktor
99,9 % 3,7190
99,5 % 2,5758
99,0 % 2,3263
98,0 % 2,0537
95,0 % 1,6449
90,0 % 1,2816


Nun benötigen Sie die Standardabweichung. Hierbei handelt es sich um ein Maß für die Streuweite – in diesem Fall der Liefermenge. Die Standardabweichung ist die durchschnittliche Abweichung aller gemessenen Liefermengen von der durchschnittlichen Liefermenge. Formeln und Berechnungsbeispiele zur Standardabweichung finden Sie hier

Angenommen, Sie haben als Servicegrad 98 % festgelegt. Gemäß der Tabelle würde sich daher ein Sicherheitsfaktor von 2,0537 ergeben. Exemplarisch nehmen wir an, dass Ihre Standardabweichung bei 40 liegt. Demzufolge ergibt sich ein Sicherheitsbestand von:

2,0537 * 40 = 82,148 Stück

Mit dem Sicherheitsbestand von 82 können Sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 % (Servicegrad) ausschließen, dass es zu Lieferengpässen kommt. 

Fazit – Praxistauglichkeit

Alle vier hier vorgestellten Methoden zur Ermittlung des Sicherheitsbestandes werden in der Praxis eingesetzt. Während die generelle Praxisformel eine vereinfachte Berechnung des Sicherheitsbestandes darstellt, liefern die drei anderen Methoden zur Ermittlung wesentlich genauere Ergebnisse. Gerade weil ein erhöhter Sicherheitsbestand auch erhöhte Kosten für die Lagerung nach sich zieht und ein zu geringer Sicherheitsbestand schnell zu Engpässen führen kann, sollten Sie versuchen, den Sicherheitsbestand so genau wie möglich zu ermitteln.