Ihre Kollegen freuten sich schon. Auf Kaffee und selbst gebackenen Kuchen. Denn als sie kündigte, sagte Eva Lichner, sie werde jetzt ein Café eröffnen. Nun wurde es ein Coworking-Space. Gemeinsam arbeiten statt gemeinsam Kuchen essen. Ihre Kollegen waren zunächst enttäuscht.

Coworking-Space, so nennt man Räumlichkeiten, in denen Menschen aus verschiedenen Branchen gemeinsam oder unabhängig voneinander arbeiten. Oft sind das Freiberufler, Kreative oder Start-ups. Die Arbeitsplätze können flexibel gebucht werden, stundenweise, tageweise, monatsweise, in großen Räumlichkeiten können Unternehmen auch mehrere Büros auf einmal mieten, wenn sie eine ganze Abteilung unterbringen wollen.

Im Dezember 2015 suchte Eva Lichner fieberhaft nach einer Immobilie für ihr Café. Eines Tages stand sie in einem Haus in Lehel, helle Räume, alter Holzfußboden. Zu groß für ein Café, perfekt für einen Coworking-Space. Sie wollte ja an sich auch mehr, als Kaffee und Kuchen zu verkaufen. Es erwuchs die Idee, den Münchnern in der Medien- und Kommunikationsbranche helfen zu wollen, sich besser zu vernetzen. Sie wusste, dass das nötig ist. Sie wusste nur nicht, ob es funktionieren würde. Einfach so einen Coworking-Space aufmachen?

Den Entschluss hat sie nie bereut

Lichner, 36, lange dunkle Haare, schwarzer Rollkragenpullover, sitzt in einem kleinen Konferenzraum in der Georgenstraße, es ist schon ihr zweiter Coworking-Space. „Mates“ hat sie die Räumlichkeiten genannt, das englische Wort für Freunde. Auf dem Tisch steht eine Grünpflanze, eine Wand ist rot, die andere schwarz-weiß gemustert, von der Decke hängt eine übergroße Lampe aus grauem Filz. Coworking-Spaces zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie hip eingerichtet sind.

Sie habe es nie bereut, das mit dem Coworking-Space zu versuchen, sagt Eva Lichner. „Es gibt einem so viel mehr, wenn man Dinge selbst gestalten und selbst entscheiden kann, wo es als nächstes hingeht.“ Als der Vermieter ihr damals im Dezember sagte, sie könne die Immobilie haben, packte sie die Gelegenheit beim Schopfe. Sie schrieb einen Businessplan und fragte ihre Bank nach einem Kredit.
 

Eva Lichner

Eigentlich wollte Eva Lichner, 36, ein Café eröffnen, als sie kündigte. Aber dann kam es ganz anders.

Mehr Austausch schaffen

Einen Coworking-Space zu gründen, mache Spaß, weil man ihn so gestalten könne, wie man will, sagt sie. „Aber es ist auch schwierig, weil jeder Coworking-Space anders ist und es keine Vorlage gibt, an der man sich orientieren kann.“ Ihrer sollte einer für Menschen in der Medien- und Kommunikationsbranche werden. „Die Agenturen in München haben zwar alle kleine Netzwerke, aber der große Austausch funktioniert nicht wirklich“, sagt sie. Das wollte sie ändern.

Eva Lichner kennt sich gut aus in der Branche, weil sie viele Jahre dort gearbeitet hat. Nach einer Ausbildung zur Werbekauffrau in Stuttgart studierte sie BWL und Marketing, später Interior Design in London, und arbeitete in verschiedenen Agenturen in Deutschland. Werbung, PR, Marketing und schließlich in einer Münchner Designagentur.

Damit sich die Mitglieder ihrer Locations kennenlernen, austauschen und vernetzen können, bietet sie dort regelmäßig Veranstaltungen wie Workshops, Seminare und Ausstellungen an. „Das Ziel ist ja, Synergien zu nutzen“, sagt Lichner. Es seien so auch schon gemeinsame Projekte entstanden. Außerdem hat sie eine digitale Plattform entwickelt, auf der sich Selbstständige untereinander und mit Auftraggebern vernetzen können.

An die 150 Mitglieder haben ihre beiden Coworking-Spaces mittlerweile. Es sind Marketingspezialisten, Journalisten, Fotografen, Designer, Webdesigner, Architekten und Programmierer. Um sie noch stärker zusammenzubringen, arbeitet Lichner gerade an der Gründung einer Akademie.

Die Konkurrenz wächst

Wer Kurse hält oder Seminare gibt, so ihre Idee, bekommt dafür Punkte. Die kann er zum Beispiel einlösen, um Tagespässe zu kaufen. „Mit der Akademie wollen wir noch in diesem Jahr starten“, freut sich die junge Unternehmerin.

Seit sie Mates in München gegründet hat, sind sehr viele Coworking-Spaces in der Stadt dazugekommen. Der Studie „Co-Working 2018“ des Immobilienberaters Cushman & Wakefield zufolge wurden in München im vergangenen Jahr 35.000 Quadratmeter für diese Zwecke vermietet, 2016 waren es noch 7.200 Quadratmeter.

Auch die Großen der Branche haben hier schon Büro-WGs eröffnet. Mindspace, Rent24, auch WeWork aus den USA kommt im Sommer dazu. Lichner bereitet das aber keine Sorgen. „Die wenden sich vor allem an große Unternehmen und an Start-ups, die sich mit Unternehmen vernetzen wollen“, sagt sie. „Wir konzentrieren uns auf die Kreativen, denen wir nicht nur Arbeitsraum bieten, sondern auch eine Plattform.“

Sie glaubt, dass sie mit ihren beiden Coworking-Spaces sogar davon profitiert, dass nun all die Großen kommen. „Die machen sehr viel Werbung. Das führt dazu, dass die Leute sich mit dem Thema Coworking auseinandersetzen und so auch auf uns stoßen.“ Denn nach wie vor wissen viele nicht, was ein Coworking-Space ist. Sie merkt das daran, dass täglich Leute zur Tür hereinkommen und fragen, ob sie hier einen Kaffee trinken können. Aber sie hat ja kein Café gegründet.