Sobald die Nadel auf der Platte aufsetzt, knackt und knistert es ein wenig. „Das ist das Einlaufrauschen“, erklärt Detlef Seifert den Ablauf, wenn man eine klassische Vinylscheibe auf dem Plattenspieler anhört. Wer kann sich nicht an dieses Geräusch erinnern? Das Rauschen hängt mit dem Rußanteil im Vinyl zusammen. „Je feiner er herausgesiebt wurde, desto besser der Klang“, sagt der Chef der einzigen deutschen Firma, die Schallplattenpressen baut. Die „Newbilt“ ist der Renner, trägt dem Vinyl-Boom Rechnung und wird in alle Welt geliefert. 

Was jahrelang sicher kaum jemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten: Die schwarzen Scheiben aus Vinyl sind zurück. Das Problem: Es gibt kaum noch alte Pressen – die Hersteller kommen der Nachfrage nicht hinterher. In einem Alter, in dem andere sich zur Ruhe setzen, hat sich der 70-jährige Detlef Seifert mit seinem Partner Erwin Neubauer zusammengetan und in Alsdorf bei Aachen ein Unternehmen gegründet. Beide waren jahrelang in der Wartung von CD- und DVD-Produktionsanlagen tätig. Dann kam 2013 der Anruf aus Amerika: Ob Seifert gebrauchte Plattenpressen auftreiben könne. Konnte er. Doch es gab kaum noch welche, und die alten stammten teilweise aus den 1960er-Jahren. Die Anfragen nahmen stetig zu, und Seifert und Neubauer wurde klar, dass es immer weniger Ersatzteile für die alten Maschinen gab – man also mit neuen Maschinen eine Marktlücke schließen könnte. „In den Niederlanden haben wir eine alte Handpresse aufgetrieben und anhand der Zeichnung vor zwei Jahren die erste ›Newbilt‹ gefertigt. Die Technik ist dieselbe wie vor 40 Jahren“, sagt der gelernte Luftfahrtingenieur, „dazu mussten wir nichts neu erfinden.“ 

Die Zahlen gehen durch die Decke

Das Revival der Schallplatte begann vor etwa zehn Jahren. Seitdem hat sich der Umsatz mehr als verachtfacht. Der Verkauf stieg 2015 um über 30 Prozentpunkte und im vergangenen Jahr nochmals um 9,4. Ein Ende der Vinyl-Euphorie ist derzeit nicht in Sicht. 

Insgesamt 70 Millionen Euro wurden 2016 mit dem Verkauf von Schallplatten erzielt, das entspricht 4,4 Prozent Anteil am gesamten Musikmarkt. Vinyl liegt mittlerweile auf Rang vier. Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie sagt: „Angesichts erneut hoher Verkaufszuwächse von rund 50 Prozent kann man sagen, dass es sich nicht mehr um eine reine und kleine Liebhaberecke handelt. Das mag auch damit zusammenhängen, dass die zunehmende Digitalisierung unserer Welt bei vielen den Wunsch nach analogen Ankerpunkten hervorruft.“ Technische und vor allem digitale Weiterentwicklung ist eben nicht alles. 

In der Herstellung ist die Schallplatte der CD unterlegen. Das Pressen einer Vinylplatte dauert etwa zehnmal so lange wie die Produktion einer CD, ein bisschen geht’s in Alsdorf dabei zu wie in einer Backstube: 180 Grad heiß ist der schwarze Vinylkuchen. Er wird zusammengedrückt, dann mittels eines Hydraulikkompressors zu einer dünnen Platte gebacken. Dafür wird die Kraft einer Dampfmaschine gebraucht, die einen Druck von 150 Tonnen ausüben kann und für die deshalb auch ein kleiner Kühlturm benötigt wird. Die Herstellung läuft nach dem bewährten Prozess mithilfe von Dampfkraft ab. Es zischt und stinkt in der Produktionshalle. Doch was zählt, ist das Ergebnis. 

Lange Wartezeiten

Etwa eine halbe Minute dauert es, bis die gepresste Scheibe fertig ist. Da bleibt die Menge der begrenzende Faktor. Vor allem Labels mit kleineren Auflagen müssen deshalb in der Regel etwa acht Monate auf eine Pressung in einem der bestehenden Werke warten. Um überhaupt zum Zuge zu kommen, schließen sie sich teilweise zusammen – zu groß ist der Andrang. Sie sind die Zielgruppe der Alsdorfer Maschinenbauer. „Bei uns können Sie eine komplette Fabrik mit allen Teilen kaufen“, sagt Seifert. Kostenpunkt: 170 000 Euro – plus Dampferzeuger und Kühlanlage. „Insgesamt sind Sie mit etwa einer Million dabei.“ Inzwischen wurde die Produktion ausgeweitet, das Unternehmen fertigt auch Vollautomaten für größere Stückzahlen. „Sonst wird’s langweilig“, sagt Detlef Seifert. 

Auch der US-amerikanische „White Stripes“-Sänger und Gitarrist Jack White war bereits in Alsdorf zu Besuch und hat vier Maschinen gekauft. Statt im firmeneigenen Hellblau sollten sie auf Wunsch gelb-schwarz lackiert werden. „Dafür“, sagt Seifert, „wurden wir aber mit einer rauschenden Einweihungsparty entschädigt.“ Über die Auftragslage muss sich der Geschäftsinhaber wohl erst mal keine Sorgen machen. Dennoch bleibt er vorsichtig: „Wer weiß schon, wie lange der Boom anhält?“, sagt Seifert. Doch bald beginnt das Weihnachtsgeschäft: „Dann laufen die Maschinen sieben Tage die Woche – rund um die Uhr.“

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