Die Schwierigkeiten und Lösungsansätze

Speziell die Arbeiten auf den Autobahnen und Schnellstraßen verschlingen jedes Jahr zwischen 30 und 120 Milliarden Euro an Nebenkosten, die vermeintlich durch Staus verursacht werden. Fest steht: Die ausführenden Bauunternehmen haben auf diese Situation weniger Einfluss als allgemein angenommen. Denn die perfekt organisierte Baustelle als Ideal ist gleichzeitig mit höheren Kosten verbunden. Es ist naheliegend, dass vor allem verkürzte Bauzeiten zu einer deutlichen Entlastung der Verkehrssituation beitragen. Kürzere Bauzeiten sind allerdings nur dann zu erreichen, wenn die Baustellen nach den modernsten Erkenntnissen der Logistik organisiert werden.

Logistik als eigenständige Disziplin im Bauwesen

Ein Ansatz könnte darin bestehen, bei der Eröffnung einer Baustelle von vornherein so wenig Eingriff auf den fließenden Verkehr zu nehmen wie möglich. Das ist bei reinen Straßenbauarbeiten nur selten möglich. Allerdings sind nicht nur Straßenbauarbeiten für die Entstehung von Staus verantwortlich. Im innerstädtischen Verkehr können schon Fassadenarbeiten an Wohnbauten eine Fahrbahnverengung notwendig machen. Auch die verbesserte Koordination verschiedener gleichzeitiger Baustellen innerhalb eines städtischen Großraums hat erheblichen Einfluss auf die Verkehrssituation. Hier sind dann allerdings zusätzliche Spezialisten gefragt, die von der öffentlichen Hand eigens damit beauftragt werden, solche Planungsleistungen „aus der Vogelperspektive“ zu erbringen. Dienstleistungen dieser Art haben bis jetzt noch keine eigenständige Consultingbranche ausgeprägt. Ein klar formuliertes Interesse, dem Verkehrschaos auf Deutschlands Straßen mit sinnvollen Maßnahmen entgegenzuwirken, hat sich erst in den letzten Jahren entwickelt.

Als Vorbild, einen Autobahnabschnitt zügiger fertigzustellen, als es häufig noch der Fall ist, dienen die logistischen Prozesse in der produzierenden Industrie. Der störungs- und unterbrechungsfreie Materialfluss gilt dort als Schlüssel, die vorhandenen Kapazitäten des Maschinen- und Anlagenparks optimal auszulasten. Genau das geschieht auf vielen Baustellen noch in sehr unzureichendem Maße. Denn die Baumaschinen wie Beton- und Asphaltmischer können ihre Leistung buchstäblich nicht „auf die Straße bringen“, wenn die Anlieferung der Baustoffe eher nach Gefühl als nach einem genauen Zeitschema erfolgt. Hinzu kommt die mangelnde Vernetzung von Baumaschinen, Baustellenumgebung und Baustellenleitsystemen. „Wir arbeiten an einer verbesserten und automatisierten Kommunikation aller Baustellenpartner“, erklärt Marcus Müller, Projektleiter der Universität Hohenheim. Beispielsweise stellt die Verarbeitung von Asphalt sehr hohe Ansprüche an die Baustellenlogistik. Das sensible Betongemisch darf auf dem meistens langen Transportweg vom Mischwerk bis zur Baustellenstrecke nicht abkühlen, gleichzeitig muss der Asphaltfertiger kontinuierlich mit Material versorgt werden. Werden diese Faktoren nicht berücksichtigt, kommt es zu mangelhaften Straßenqualitäten. Das zieht Instandhaltungskosten mit sich. Daher arbeiten die Wissenschaftler der Universität Hohenheim um Professor Dr. Kirn auch an der Optimierung dieser wichtigen Prozesse. Das Forschungsprojekt „SmartSite“ wird staatlich mit knapp drei Millionen Euro subventioniert und könnte die Logistik der Baustellen zukünftig revolutionieren. Die Ziele sind klar definiert: die automatisierte Prozesssteuerung im Sinne der Industrie 4.0 und die Entwicklung von „intelligenten“ Baustellenumgebungen.

Neue Belohnungssysteme für Bauunternehmen

Als weiteren Ansatz, die Logistik im Vorfeld zu definieren, gehen immer mehr Bauunternehmen dazu über, die Baustellenlogistik als Posten einer Ausschreibung anzuführen und ziehen schon in der Ausschreibungsphase Experten hinzu, die solche Aufgaben dann im Projekt auch umsetzen können. Solche fortschrittlichen Wege, eine Baustelle mit einer ausgeklügelten Logistik zu organisieren, setzen allerdings ein Umdenken voraus: Auftraggeber müssen diese Leistungen finanziell tragen wollen. Zeitvorteile im Fortschritt eines Bauprojekts müssen sich für beide Seiten lohnen. In den Medien werden immer häufiger Modelle diskutiert, nach denen Generalunternehmer von einem besonderen Vergütungssystem profitieren können: zusätzliche Bonuszahlungen, wenn ein Projekt sogar früher fertiggestellt wird als vorher vereinbart. Oder umgekehrt: entsprechende Abzüge von der Auftragssumme, wenn die Baustelle zu spät abgeschlossen wird. Inwieweit sich dieses Vergütungsmodell in den nächsten Jahren behaupten kann, bleibt abzuwarten. Deutschlands Autofahrer würden es wohl begrüßen.

„Autobahnautomaten“ als neue Hoffnungsträger

Einige Menschen haben sie schon einmal leibhaftig zu sehen bekommen: eine jener sagenumwobenen Riesenmaschinen, die Autobahnasphalt wie am Fließband produzieren, Meter für Meter über die gesamte Breite der Fahrspuren, bis sie am Ende eines Tages mehrere Hundert Meter Spezialbeton als Autobahn „verlegt“ haben. Warum solche Maschinen nicht generell häufiger zum Einsatz kommen, fragen sich auch alle anderen, die von diesen Giganten bereits gehört haben.
Die Antwort ist einfach: Es gibt weltweit nicht allzu viele Exemplare von ihnen. Und ihr Einsatz erfordert natürlich ein entsprechend hohes Budget. Nur wenn sich deutliche Zeitersparnisse für den Auftragnehmer in einer attraktiven Vergütung niederschlagen, lohnt sich der Einsatz eines solchen voll automatisierten Systems. Und hier sind die Anforderungen an eine perfekt organisierte Materialanlieferung sogar besonders hoch. Insofern bestätigt das eher die Tatsache, dass kürzere Bauzeiten nur über eine reibungslose Baustellenlogistik zu erreichen sind.

Fazit: Baulogistik ist das A und O

In den kommenden Jahren wird sich zeigen, inwieweit die Organisation einer Baustelle als eigenständige und anspruchsvolle Leistung bewertet wird. Unternehmen, die ihre logistischen Leistungen im Rahmen einer Projektausschreibung aktiv darstellen, finden für diese Leistungsargumentation heute immerhin schon deutlich mehr Gehör als noch vor einigen Jahren. Nicht zuletzt hat Deutschlands berüchtigtste Großbaustelle am neuen Berliner Flughafen bereits einen Denkprozess auch bei verantwortlichen Politikern in Gang gesetzt: Die belegbare Kompetenz, ein Bauprojekt zügig zum Abschluss zu bringen, wird in Zukunft wieder etwas mehr kosten dürfen.