NRW gilt als Zentrum der deutschen Industrie, aber auch als finanzschwach. Diesen Eindruck erwecken zum Teil auch die Verkehrswege: vernachlässigte Straßen, bröckelnder Asphalt. Kommt das Land im Gegensatz zum stärker geförderten Osten zu kurz?

Wir haben das Problem, über viele Jahre zu wenig investiert zu haben. Das schwächt den Wirtschafts- und Logistikstandort. Verglichen mit dem Osten haben wir tatsächlich Nachholbedarf. Bei großen Infrastrukturprojekten, beispielsweise Brücken, liegt der Investitionsbedarf bei 4,5 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren. Das kann das Land nicht alleine stemmen. 

Welche Regionen sollten besonders gefördert werden?

Während im Rheinland oder in Ostwestfalen die Industrie stark ist und vor allem vom Mittelstand getragen wird, hat insbesondere das Ruhrgebiet aufgrund seines strukturellen Wandels noch Bedarf. Der Wechsel vom Montanland in eine hauptsächlich auf Dienstleistungen ausgerichtete Region ist noch nicht vollzogen. Insgesamt sehen wir in NRW die Notwendigkeit, die wichtigen Infrastrukturen wie Verkehr und Breitband zu stärken. Solange Autobahnen, Brücken und Bahnverbindungen nicht entsprechend ausgebaut werden können, leidet die industrielle Entwicklung. 

Mit einem Außenhandelsvolumen von 180 Milliarden Euro rangiert Nordrhein-Westfalen allerdings sogar vor Baden-Württemberg und Bayern. Benötigt eine so starke Wirtschaft wirklich noch Unterstützung?

Wir sind das größte Bundesland und müssen uns anstrengen, diese Position zu behaupten. Die Wirtschaft braucht Kontakte in die politischen Ebenen, um Auslandsmärkte aufzuschließen. Es ist hilfreich, dass die Landesregierung das aktiv mit vorbereitet. Wir koordinieren die Vorhaben ausländischer Unternehmen, die sich hier niederlassen wollen, und unterstützen Unternehmen, die exportieren und sich im Ausland engagieren wollen. 

Wenn Sie mit Unternehmen sprechen, welche sind deren hauptsächliche Sorgen?

Da stehen häufig Fragen zum Standort im Vordergrund. Wie kann ich investieren und wo? Gibt es neue Gewerbegebiete? Wie bekomme ich einen leistungsfähigen Breitbandanschluss? Obwohl NRW ein Flächenstaat ist, sind wir bei den Gewerbe- und Industrieflächen oft eingeschränkt: Im Sauer- und Siegerland beispielsweise sind viele Unternehmen an Flussläufen angesiedelt. Dort wird es schwierig, neue Flächen auszuweisen, obwohl der Bedarf groß ist. Die Unternehmer beklagen noch andere Hemmnisse: langwierige Genehmigungsverfahren und eine praxisferne Verwaltung. Können Sie die Beschwerden nachvollziehen? Um bürokratischen Aufwand klein zu halten, haben wir mit den Kammern und Verbänden die Clearingstelle Mittelstand gegründet, um die Mittelstandsverträglichkeit zu prüfen, bevor ein Gesetz in Kraft tritt. Der Mittelstand darf nicht überproportional belastet werden. So darf zum Beispiel der Aufwand für Kennzeichnungspflichten bei Lebensmitteln für den einzelnen Marktverkäufer nicht unverhältnismäßig größer sein als für einen Lebensmittelkonzern, der einen Hinweis nur einmal auf seine Packungen drucken muss.

Welche Branchen führen die Bruttowertschöpfung im Land an?

Da haben wir eine große Bandbreite. Nordrhein- Westfalen ist das Industrieland Nummer eins. Über 20 Prozent der Leistung kommen aus diesem Bereich. Dazu gehören der Maschinen- und Fahrzeugbau, aber auch Chemie und Papier. Daneben wächst der Dienstleistungssektor, vor allem im Bereich der Digitalisierung. Der Tourismus boomt ebenfalls. Davon profitieren insbesondere Gaststätten und Hotels. Für uns ist es nun wichtig, dass die Infrastruktur dafür ausgebaut wird.  

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