Familienbetriebe

Digitalisierung des Mittelstandes

Digitalisierung: Wenn sich der Mittelstand bewegt, dann richtig!

Der deutsche Mittelstand steht im Verdacht, die digitale Transformation weitestgehend zu verschlafen. Mittelständische Unternehmen sind zwar das Herz der deutschen Wirtschaft und oftmals Weltmarktführer in ihrem Segment. Aber sind diese klassischen - zumeist Familienunternehmen - richtig aufgestellt, um den digitalen Wandel zu vollziehen? Laufen sie den Konzernen, die sich Innovation Labs, kreative Auszeiten im Silicon Valley und moderne Working-Spaces leisten hinterher?

Die öffentliche Meinung, die Medien und zahlreiche Studien bescheinigen den Mittelständlern traditionelles Denken und wenig Innovationsbereitschaft. Die Überalterung in den Unternehmensspitzen trägt demnach wenig zum digitalen Wandel bei. 

Ist der Mittelstand aber wirklich so rückständig?

Nein, meiner Meinung nach hat der Mittelstand die besten Voraussetzungen, eine nachhaltige Digitalisierung des Geschäfts zu vollziehen.  

1. Weitblick statt Aktionismus

Laut Studien ist nicht einmal jeder zweite Mittelständler in der Umsetzungs- oder Wachstumsphase der Digitalisierung angelangt (Crisp Research, 2016). Und weniger als die Hälfte der deutschen Mittelstandsunternehmen sollen durch die Digitalisierung Anpassungsbedarf bei ihren Geschäftsmodellen sehen (PWC-Analyse „Family Business Survey“).

So weit, so gut. Die Frage ist jedoch, ob Mittelständler wirklich an der Speerspitze der Bewegung stehen müssen? Bei der Digitalen Transformation unserer Wirtschaft haben wir es nicht mit einem Kurzstreckenlauf zu tun, sondern mit einem Marathon. Die gesamte Strecke muss gut geplant werden, nicht nur die ersten Kilometer. Was bringt es, hektisch ganze Firmenstrukturen umzuwerfen, wenn noch nicht einmal die Marschrichtung klar ist. Mittelständische Unternehmen haben in der Regel keine Zeit, um sich dem Innovationstourismus zu widmen. Sie agieren am Kern ihrer Unternehmen und müssen Weitblick zeigen. Für kurzfristigen Aktionismus haben sie keine Ressourcen. Das bedeutet im Umkehrschluss, Mittelstandsunternehmen sind optimal aufgestellt, um die digitale Transformation nachhaltig zu vollziehen. Während das Thema Digitalisierung in vielen Konzernen vor allem Aktionismus auslöst, denken Familienunternehmen in Generationen und weniger in Geschäftsjahren oder Quartalen.  

Sie agieren mit Weitblick. Ihr Kapitaleinsatz folgt einer langfristigen Strategie. Außerdem stellen Familienunternehmen oftmals hochspezialisierte Nischenprodukte her, was sie weniger anfällig für kurzfristige „Ausschläge“ des digitalen Wandels macht. Dass eine digitale Transformation ihres gesamten Unternehmens notwendig ist, dass ist den meisten bewusst und nun geht es darum, wie sie diese nachhaltig umsetzen können. 

2. Intrinsische Innovationskultur

Eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim kommt zu dem Schluss, dass sich ein Drittel der deutschen Mittelständler derzeit nur im Grundstadium der Digitalisierung befindet und zum Teil nicht einmal über einen eigenen, geschweige einen zeitgemäßen, Internet- und Social-Media Auftritt verfügt. Die notwendigen Erneuerungen würden auf die nächste Generation verschoben.

Sicher, mehr geht immer. Aber woran macht man die Digitalisierung eines Unternehmens fest? An den Twitter-Aktivitäten des Geschäftsführers? Mittelständische Familienunternehmen haben bereits eine innovationsgeprägte Unternehmenskultur, die Auszeichnungen der TOP100 Innovatoren durch Compamedia vor einigen Wochen in Essen hat es wieder zur Schau gestellt. Sie wissen, wenn sie sich nicht wandeln, sondern immer weiter reaktiv agieren, ist ihre Existenz bedroht.

Konzernlenker wechseln einfach das Unternehmen, wenn die Lage kritisch wird – die durchschnittliche Verweildauer eines DAX Vorstandes betrug 2015 gerade mal 5,1 Jahre. Der Familienunternehmer ist mit Haus und Hof mit dem Unternehmen verwachsen. Dies hindert ihn daran, schnelle aktionsgetriebene Entscheidungen zu treffen, die die Existenz des Unternehmens mittelfristig bedrohen, auch wenn ein Fremdmanager eingestellt wird, so sind diese in mehr als einem Drittel der Fälle länger als 20 Jahre im Amt. 

Die Nachfolgefrage ist eine der bedrohlichsten Herausforderungen für Familienunternehmen. Aber sie bietet gleichzeitig enorme Chancen, denn die Kombination Nachfolge in der Unternehmensführung und gleichzeitige Digitalisierung ist für externe Kandidaten eine interessante Kombination. Hier bieten sich dem Mittelstand auch in etwas entlegeneren Regionen bessere Möglichkeiten, attraktives Führungspersonal anzuziehen. Mit einem intelligenten Preboarding können Mittelständler die digitale Führungskraft frühzeitig in das Unternehmen einbinden und sie auf längere Sicht halten und unternehmerisch beteiligen. Denn die größte Herausforderung für den Mittelstand ist zweifelsohne digitale Talente in ihre Region außerhalb der digitalen Hot Spots zu locken. 

3. Second Mover geben Gas

Von First Movern kann mehrheitlich im Mittelstand keine Rede sein. Nur 55 Prozent der Unternehmer gaben in einer aktuellen Studie an, der Drang zu Neuem käme aus dem eigenen Haus (Vivaldi Partners 2017).

Es gibt gute Gegenbeispiele. Wenn man sich den gehobenen Mittelstand in Nordrhein-Westfalen und Süddeutschland ansieht, dann sind viele der Hidden Champions und Weltmarktführer Deutschlands dort angesiedelt. Diese geben bei der Digitalisierung Gas, in dem sie gerne mal Digital-Abteilungen von bis zu 20 Leuten auf einen Schlag besetzen. Wenn der Mittelstand sich bewegt, dann richtig. Gute Beispiele für nachhaltige Digitalisierungsaktivitäten sind Unternehmen wie Xella, Würth, Windmöller & Hölscher, Ottobock oder Dorma. Xella ist ein marktführendes Unternehmen im Bereich des Baustoffhandels und hat erkannt, dass die Unternehmenswertsteigerung der Zukunft auf einer guten Digitalisierungsstrategie beruht. Interessanterweise ist der jetzige CDO der frühere CPO. Er hat aber den Spirit und ist ein echter Digital-Enthusiast – Change ist was ihn treibt, und Change ist immer eine langfristige Strategie. Nun werden Prozess, Produkte und Kommunikation digitalisiert und eine Vielzahl von Spezialisten eingestellt. Gut daran ist die Sicht auf den Markt. Sprich, man will auch digitale Produkte bauen, die nicht im Kerngeschäft liegen, aber am Ende den Kunden stärker an die Marke binden und den Baustoffhandel optimieren. 

Mittelständische Unternehmen sind nicht an vorderster Front an der Digitalen Transformation unserer Wirtschaft beteiligt. Daraus zu folgern, dass der Mittelstand seine Chancen durch die Digitalisierung nicht sieht, sind zu kurz gegriffen. Familienunternehmer denken in Generationen und suchen sich gezielt digitale Projekte aus, die den Fortbestand ihres Lebenswerks sichern. Dafür gibt es zahlreiche gute Beispiele.  

Am Ende kann man immer vor den Zug, in den Zug oder hinter den Zug springen.

Noch hält der Zug im Bahnhof und man kann einsteigen – keines dieser Unternehmen hat sich jedoch vor den Zug geworfen und das ist gut so. Deutschland ist das Land der Ideen und des Mittelstandes – und auch wenn kein deutsches Google in Sicht ist, hat unsere Industrie die Chance noch nicht verpasst.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Magazin Clutch, dem Gesellschaftsmagazin für die digitale Welt.

Über Clutch

Clutch ist das Gesellschaftsmagazin für die digitale Welt. Das jährlich erscheinende Coffee-Table-Magazin erklärt, wie die Digitalisierung unser Leben, unsere Gesellschaft und die Wirtschaft verändert. Clutch bringt Managern und Interessierten digitale Technologien verständlich und unterhaltsam näher. Das nächste Heft erscheint am 13. September 2017 und ist ab sofort bestellbar.

Harald R. Fortmann

Harald R. Fortmann

Harald R. Fortmann ist geschäftsführender Gesellschafter der Full-Service HR-Beratung D-Level GmbH.

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