Corona-Pandemie führte zu Lieferengpässen

Nur wenige deutsche Produkte werden vollständig aus in Deutschland gefertigten Teilen hergestellt. Unternehmen sind auf Zulieferer aus aller Welt angewiesen – und diese Abhängigkeit wurde in der Corona-Krise zum Problem. Viele Industriebereiche waren von Lieferengpässen betroffen. Leidtragende waren unter anderem die Automobil- und die Elektronikbranche. Sogar bei einigen lebenswichtigen Medikamenten fehlte es in Deutschland an Nachschub.

Bedarfsplanung muss hinterfragt werden

Die Versorgung mit Rohstoffen und Gütern wird im Normalfall mit Sicherheitsbeständen in den Lagern gegen das Auftreten von Fehlmengen abgesichert. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben allerdings vielen Firmen schmerzhaft vor Augen geführt, dass diese in solchen Ausnahmesituationen bei Weitem nicht ausreichen. Daher stellt sich bei diesen Unternehmen die Frage, ob Bestandsanpassungsmaßnahmen notwendig sind, um besser auf solche Szenarien reagieren zu können – wie beispielsweise das Hinzuziehen weiterer Lieferanten.

Sicherstellen der Versorgung vs. Reduzierung der Bestandskosten

Prinzipiell ist ein hoher Lagerbestand aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht vernünftig. Denn dieser wirkt sich direkt auf die Lagerhaltungskosten und somit auch auf die Kapitalbindungskosten in Unternehmen aus. Bestandskosten können immerhin mehr als 10 Prozent des Gesamtvolumens in Unternehmen betragen. Um am Markt bestehen zu können, muss das Kapital jedoch effizient eingesetzt werden. Bei hohen Lagerbeständen steht dieses Kapital nicht mehr für andere Aktivitäten zur Verfügung.

Doch die Erfahrungen der Corona-Krise zeigen, dass die Kosten, die durch Lieferengpässe und dadurch entstehende Fehlmengen verursacht werden, noch weit höher ausfallen können. Denn wenn der Produktionsprozess wegen Materialmangel unterbrochen werden muss oder die Nachfrage nach fertigen Produkten nicht mehr befriedigt werden kann, wenden sich Kunden gegebenenfalls an andere Anbieter, und das betroffene Unternehmen wird aus dem Markt gedrängt. Auch wenn es nicht dazu kommt, sind der Imageschaden, Erlösschmälerungen aufgrund von Terminüberschreitungen und zusätzliche Kosten zur Behebung der Fehlmengen in vielen Fällen gravierend.

So stellt sich also die Frage, wie der Spagat zwischen einer gesicherten Versorgung auf der einen und möglichst geringen Bestandskosten auf der anderen Seite am besten gelingt – und wie wahrscheinlich es erneut zu Lieferengpässen wie zu Beginn der Corona-Pandemie kommen wird.

McKinsey: Unternehmen sichern sich besser ab

Die Unternehmensberatung McKinsey rechnet damit, dass sich Unternehmen durch die Erfahrungen mit der Corona-Krise künftig besser absichern werden. Dazu gehört neben einer Überprüfung komplexer internationaler Supply Chains auch eine Erhöhung der Lagerbestände.

So hat beispielsweise das Elektronik- und Computertechnik-Versandhaus reichelt elektronik frühzeitig die Bestände erhöht, um die Warenverfügbarkeit während der Krise zu sichern. Bis auf wenige Ausnahmen gab es Ende April 2020 keine Lieferschwierigkeiten. Dauerhaft wird das Unternehmen seine Bestandsplanung jedoch nicht anpassen. Um das Risiko von Fehlmengen künftig besser abzusichern, baut der Versandhändler seinen Lieferantenpool für einige Produktgruppen aus, berichtet Disponent Christian Reinwald, Head of Product Management and Marketing. Größere Lagerbestände seien in der Elektronikbranche aus finanziellen Gründen auf Dauer nicht wirtschaftlich, da es sich hier um „verderbliche Waren“ handelt, die schon nach kurzer Lagerzeit deutlich an Wert verlieren und von aktuelleren Versionen verdrängt würden.

In der Pharmaindustrie gibt es hingegen gesetzliche Vorgaben für Vorräte bei bestimmten Wirkstoffen. Diese könnten noch erweitert werden. Derzeit werden mehr als 90 Prozent der Antibiotika in asiatischen Staaten hergestellt, ein erneuter Abriss der Lieferwege könnte fatale Folgen haben.

Quotation mark
Derzeit werden mehr als 90 Prozent der Antibiotika in asiatischen Staaten hergestellt, ein erneuter Abriss der Lieferwege könnte fatale Folgen haben.

Maßnahmen bei erneuten Engpässen

Um für erneute Engpässe besser gewappnet zu sein, können Unternehmen folgende Maßnahmen ergreifen, die die beiden konkurrierenden Ziele Versorgungssicherheit und Kostenminimierung mit einbeziehen:

  • Unternehmen, die vergleichsweise günstige Produkte mit einem geringen Lagerplatzbedarf verkaufen, können ihre Bestände deutlich aufstocken, ohne dass sie mit ihren Produkten viel Kapital ans Lager binden. Ein Jahresvorrat der Bestseller ist dabei eine denkbare Größe.
  • Kommt es zu Engpässen, sollten Unternehmen die Preise erhöhen und die Marketing-Ausgaben senken. Durch diese Maßnahmen reicht der Lagerbestand länger und sie werden nicht aus dem Markt getrieben.
  • Viele Unternehmen haben Produkte im Lager, die kaum Nachfrage finden. Sind die Bestseller alle verkauft und aufgrund von Lieferengpässen ist kein Nachschub zu erwarten, sollten Firmen den Fokus auf ihre Ladenhüter legen und den Verkauf ankurbeln.