Das Pflichtpfandsystem für Getränkebehälter auf Aluminium- oder Kunststoffbasis bezog sich von Anfang an nicht auf die Wiederverwendung von Getränkebehältern, sondern lediglich auf die Art und Weise, wohin die Verbraucher die leeren Behälter entsorgen: in den Pfandautomaten, in die Abfalltonne oder schlimmstenfalls in die Landschaft. Ob eine Pfandflasche als Mehrwegflasche wiederverwendet wird – oder ob es sich um eine Einwegflasche handelt, ist den meisten Verbrauchern weder beim Kauf noch bei der Rückgabe wirklich bekannt. Man darf davon ausgehen, dass Endverbraucher ein Pfandsystem grundsätzlich als ökologisch nachhaltig betrachten und ein Pfandsystem mit einem Mehrwertsystem gleichsetzen. Wir zeigen Ihnen die Unterschiede in den Systemen. 

Das große Missverständnis der Pfandpflicht

Was beim anhaltenden „Systemstreit“ von Einweg- und Mehrwegsystemen aus dem Blickfeld geraten ist: Das erste große Ziel wurde tatsächlich erreicht. Deutschlands Städte und Landschaften sind auf sehr erfolgreiche Weise von sehr viel Verpackungsmüll durch Getränkebehälter befreit worden. Mit der Einführung des Dosenpfands und der Pfandpflicht für eine Vielzahl von Einweggetränkeverpackungen sollte nicht in erster Linie das Mehrwegsystem, sondern das Entsorgungsverhalten der Verbraucher gesteuert werden – auch wenn Umweltschutz- und Verbraucherverbände dies rückblickend gerne anders sehen. Speziell das Dosenpfand zielte darauf ab, die Umwelt zunächst vor achtlos weggeworfenen Getränkebehältern zu schützen. Das Pfandsystem selbst nahm daher auch nicht die Winzer, die Hersteller von hochprozentigen alkoholischen Getränken und auch nicht die Hersteller von Frucht-, Gemüsesäften und Milchgetränken in die Pflicht. Das Pfandsystem zielt vor allem auf solche Getränkebehälter ab, die den Großteil des „erfrischungsorientierten“ Getränkekonsums repräsentieren und daher vor 2003 auch den quantitativ größten Anteil der nicht ordnungsgemäß entsorgten Getränkeverpackungen darstellten. 

Beide Systeme haben ihre Berechtigung

Die Forderung einer Mehrwegquote von 80 % gegenüber Einweggetränkebehältern hat sich nicht erfüllt. So ausdrücklich ist sie bisher allerdings nicht einmal in der Verpackungsordnung festgeschrieben. Als Quote wird diese Zahl lediglich von Politikern und Interessensverbänden kolportiert. Um eine solche Forderung konsequent anzustreben, würde es einiger weitreichender gesetzlicher Vorschriften bedürfen, damit sie auch nur annähernd erreicht werden kann. Allerdings lässt sich diese Quote schwerlich mit Umweltargumenten untermauen, die einer gründlichen Prüfung standhielten. 
 

Mehrweg ist nicht per se umweltfreundlich – Einweg nicht per se umweltschädlich. (Foto: Unsplash.com/Mateo Abrahan)

Mehrweg ist nicht per se umweltfreundlich – Einweg nicht per se umweltschädlich

Wie man heute weiß, gibt es für Mehrwegsysteme die 100-Kilometer-Marke, bis zu der der Hin- und Hertransport von Glasbehältern auch noch aus umwelttechnischer Sicht Sinn macht. Bei weiteren Entfernungen und unter der für Glasflaschen zugrunde gelegten 50-fachen Verwendung entfällt der Vorteil geringerer CO2-Emission. Viel entscheidender als solche Vergleiche ist allerdings die Frage zu hygienischen Aspekten und auch zur Rolle, die der Wasserverbrauch bei der Reinigung von Mehrwegverpackungen spielt.

Zudem ereignen sich alle Diskussion über das Für und Wider von Einweg- und Mehrwegverpackungen vor dem Hintergrund einer Recycling-Industrie, die noch weitestgehend in den Kinderschuhen steckt. Technische Lösungen, leere PET-Flaschen zu einem hochwertigeren Polyethylenterephalat-Granulat zu verarbeiten, existieren allerdings bereits. Und da leeren PET-Flaschen über das ausgesprochen erfolgreiche Pflichtpfandsystem sorgfältig vorsortiert werden, entfällt das große Problem der allgemeinen Recycling-Industrie. Denn das Duale System gerät bereits beim Vorsortieren der recycelfähigen Wertstoffe an gewisse wirtschaftliche Grenzen. Dieses Problem besteht durch das Pfandsystem nicht.

Anders als in den Medien dargestellt, handelt es sich bei PET-Granulat auch heute schon um einen zwar keinen hochwertigen, aber trotzdem begehrten Rohstoff, der auf den internationalen Rohstoffmärkten seine Abnehmer in der Textilindustrie zur Herstellung von textilen Kunststofffasern findet. Ein beträchtlicher Anteil der recycelten Granulate wird auch schon bei der Erzeugung neuer PET-Flaschen dem fabrikneuen PET beigemischt. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass PET-Granulate aus Recycling-Prozessen weiter an Qualität zunehmen und somit eines Tages einen vollständigen Wiederverwertungskreislauf ermöglichen. 

Mehrwegverpackungen Vorteile bei geringen Entfernungen, Einwegverpackungen holen auf

Die Lebensmittelindustrie orientiert sich grundsätzlich an den Bedürfnissen des Verbrauchers. Ob und wann dieser die schwere Glasflasche bevorzugt oder doch lieber zur PET-Flasche greift, ist bei allem Umweltbewusstsein am Ende eher an Werten wie Genussfreundlichkeit, Attraktivität und Handhabbarkeit einer Verpackung orientiert. Bezüglich der Einweg- und Mehrwegverpackungen für Getränke steht es beim Verbraucher unentschieden. Gewonnen hat allerdings jetzt schon das saubere und einsortierte Einsammeln leerer Getränkebehälter. Am Pflichtpfand-Dreikampf zwischen der Pfandflasche aus Glas, der Mehrweg-PET-Flasche und der Einweg-PET-Flasche sind zudem die Einweg-Glasflaschen gar nicht beteiligt. Wo Winzer und Fruchtsaftabfüller kein schlechtes Gewissen haben müssen, ihre Erzeugnisse in Einwegbehältern darzubieten, dürfen auch Brauereien und die Hersteller von Erfrischungs- und Mixgetränken bei der Wahl ihrer Verpackungen dem folgen, was der Markt verlangt. Um eine Vorentscheidung für Mehrwegverpackungen oder Einwegverpackungen zu treffen, muss nicht gleich immer die Politik bemüht werden. Etwas Vertrauen in den wachsenden Fortschritt hilft oft schon bei der Suche nach Problemlösungen.