Herr Ziegler, in welchem Sektor sind Edelmetalle besonders gefragt?

Gold, Silber, Platin und Palladium sind aus der produzierenden Industrie ebenso wenig wegzudenken wie aus dem Bereich der Schmuckhersteller. Auch in der Medizintechnik und im Finanzbereich haben sie ihren festen Platz. Angefangen bei Batterien und Reflektoren über Flachbildschirme, Relais und Elektroden bis hin zu Hochtemperatur-Supraleitungen (HTSL) und RFID-Mikrochips reicht das Spektrum der Erzeugnisse, bei denen die genannten Edelmetalle Verwendung finden. Hinzu kommt die explosionsartige Nachfrage privater Anleger, die in Krisenzeiten auf bewährte Investments zurückgreifen und sich insbesondere mit Goldmünzen und Goldbarren versorgen. Wie eine Untersuchung des Forschungszentrums für Finanzdienstleistungen Steinbeis zeigt, besaßen die Deutschen Ende 2020 mit ca. 9.000 Tonnen Gold fast dreimal so viel wie die Bundesbank. Die Schattenseite der gestiegenen Edelmetall-Nachfrage sind aber nicht nur höhere Preise, sondern vor allem zunehmende Lieferengpässe. Dies bereitet insbesondere Einkäufern in der Industrie große Sorge.

Das klingt so, als sei die Versorgung mit dem Rohstoff Gold in den kommenden Monaten alles andere als sichergestellt?

Die weltweite maximal vorhandene Menge an physischem Gold ist geringer, als mancher denkt. So würde das bislang geförderte und aktuell im Umlauf befindliche Gold in einen Würfel mit Kantenlängen von nur wenig mehr als 20 Metern passen. Die stark begrenzten Goldvorräte sind auch der Grund, warum das gelbe Edelmetall seit jeher einen hohen Wert besitzt und sich über die Jahrhunderte hinweg als sichere Form der Kapitalanlage bewährt hat. Aktuell kommt zudem das leitfähige Edelmetall bei einer Vielzahl von innovativen und zukunftsfähigen Technologien zum Einsatz, etwa in elektrischen Kontakten und Leiterplatten sowie in sogenannten Bonddrähten. Gold ist auch medizinisch gut verträglich und löst kaum Allergien aus. In der Zahnmedizin ist dieser Rohstoff daher seit Langem ein beliebter Werkstoff für Kronen und Teleskope. Im Zuge der wirtschaftlichen Auswirkungen der weltweiten Corona-Pandemie und einer möglicherweise drohenden Abwertung nationaler Währungen setzen immer mehr Privatanleger auf den Kauf von Goldmünzen und Goldbarren. Zugleich sinken Fördermengen, was eine Verknappung praktisch vorprogrammiert.

Welche Rolle spielt die Nachfrage bei Silber?

Auch dieser Rohstoff ist in vielen Industriezweigen unverzichtbar. Insbesondere durch die zunehmende Wichtigkeit der Elektronik und Photovoltaik sowie angesichts der Ausweitung von Elektromobilitätskonzepten gewinnt das weißglänzende und sehr leitfähige Metall immer mehr an Bedeutung. In Form spezieller Silberpasten für die Herstellung von hochleitfähigen Kontaktbahnen in Solarmodulen dient es unter anderem dazu, die in den einzelnen Solarzellen gewonnene Energie in das Stromnetz weiterzuleiten. Hinzu kommt eine große Nachfrage in der Automobilbranche, im Medizintechniksektor und im Bereich der Schmuckindustrie. Silbermünzen und Silberbarren gelten ferner als gute Beimischung für jedes Edelmetall-Depot. Angesichts der aktuell günstigen Silberpreise ist der industrielle Bedarf mit finanziell überschaubarem Aufwand zu decken. Kapitalanleger erhalten zudem eine gute Möglichkeit, ihr Vermögen krisenfest zu sichern. Wie lange der aus Analystensicht momentan unterbewerte Silberpreis allerdings auf niedrigem Niveau bleiben wird, lässt sich kaum vorhersagen. Inflationsängste und die drohende Gefahr einer möglichen Abwertung des Euro könnten die Kurse hier schneller als gedacht in neue Rekordhöhen ansteigen lassen. Sowohl Investoren als auch industrielle Einkäufer müssten dann deutlich mehr für eine Unze oder ein Kilo Silber bezahlen.

Was raten Sie Einkäufern von Edelmetallen?

Nicht wenige industrielle und kommerzielle Einkäufer haben die Zeichen der Zeit erkannt und entsprechende Maßnahmen gegen die drohenden Preisanstiege bei Edelmetallen getroffen. So ist die Schaffung von Lagerreserven für Zulieferbetriebe der Automobilhersteller genauso wichtig wie der Aufkauf von Gold- und Silberprodukten durch Wiederverkäufer. Bereits im Spätsommer 2020 hatte beispielsweise der Geschäftsführer von Philoro Edelmetalle, Christian Brenner, in einem Interview erklärt, dass es wegen erneut drohender Fabrikschließungen und gleichbleibend hoher Nachfrage zu weiteren Lieferengpässen kommen könnte. Die Schaffung eines Vorrates wäre dann eine sinnvolle Möglichkeit der Krisenvorsorge. Während Privatanleger bei seriösen Händlern Münzen und Barren erwerben können, sollten sich Einkäufer aus dem industriellen Bereich schnellstmöglich mit ihren Lieferanten in Verbindung setzen. Es wird empfohlen, ausreichende Mengen an benötigten Rohstoffen reichzeitig zu bestellen - am besten gleich auf Vorrat.

Herr Ziegler, vielen Dank für das Gespräch!

Martin Ziegler

Martin Ziegler ist 1964 in Köln geboren und aufgewachsen. Nach seiner Ausbildung als Bankkaufmann und seinem BWL-Studium mit dem Schwerpunkt Finanzen arbeitete er mehrere Jahre bei verschiedenen Kreditinstituten als Finanzberater.