Wenn Maren Wagener morgens aufwacht, dann ist sie umgeben von meist glasklarem Wasser. Manchmal ist es so klar, dass sie unter der glitzernden Oberfläche die Kieselsteine am Boden zählen kann. An manchen Tagen leuchtet das Wasser grün oder türkis. Je nachdem, in welchem Land Wagener gerade ist, sprechen die Menschen eine andere Sprache. Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch oder Griechisch. Je nachdem, in welchem Hafen sie anlegt, blickt sie auf Fischerdörfer, zerklüftete Felsen oder Sandstrände. Maren Wagener ist 39 Jahre alt – sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann Matthias auf einem Segelboot.

Seit Jahren wird in Deutschland über flexiblere Arbeitsmodelle diskutiert. Arbeitnehmer wünschen sich mehr Freiheiten zu entscheiden, wann und von wo aus sie arbeiten, um die Arbeit besser mit Familie und Privatleben vereinbaren zu können. Arbeitgeber kommen diesen Wünschen zunehmend mit Angeboten wie Gleitzeit oder Homeoffice entgegen. Ausgefallenere Beispiele für neue Formen des Arbeitens aber sind selten. Und meist erfüllen sich selbstständig Arbeitende diese Wünsche selbst: Maren Wagener etwa, die das Büro ihres Unternehmens Vast Forward auf ein Boot verlegt hat. Hier verbindet sie Arbeit und Urlaub. Und das klappt ziemlich gut.

Bindeglied zwischen  Agenturen und Freelancern

Noch während ihres Studiums machte Maren Wagener sich selbstständig. Sie studierte Medienmanagement in Mittweida und vermittelte Aufträge von anderen Agenturen im Bereich Projektmanagement und Programmierdienstleistungen an selbstständige Programmierer. 2008 zog sie zu ihrem damaligen Freund Matthias Wagener nach Hamburg und gründete die Agentur Vast Forward GmbH.

An Wageners Produktionsagentur wenden sich Agenturen, die kurzfristig Unterstützung bei der Erstellung von Werbebannern, Newslettern oder Webauftritten für ihre Kampagnen brauchen. Ihre Firma setzt diese Aufträge mit einem zentralen Projektmanagement und einem Netzwerk von freiberuflichen Programmierern um. „Es gibt in Hamburg ein festes Büro für das Projektmanagement, aber im Grunde war die Firma von Anfang an remote aufgestellt“, sagt Maren Wagener. Das heißt, jeder konnte sich aussuchen, von wo aus er arbeiten will. Wenn man in Hamburg lebt, muss man auch segeln können, dachte Maren Wagener, als sie in die Stadt zog. Also machte sie einen Segelschein. Matthias Wagener hatte schon einen. Zwei Jahre lang verbrachten sie die Wochenenden daraufhin auf der Alster, dann fand sie das ein bisschen klein und schlug vor, ein Schiff zu kaufen. Das war 2010.

Quotation mark

„Wir sind nicht ausgestiegen, sondern umgezogen“
Maren Wagener, Vast Forward GmbH

Warum nicht da arbeiten, wo die Sonne scheint?

In diesem Jahr kauften sie ihr erstes Boot und segelten in der Ostsee. 2012 stieg auch Matthias Wagener in die Firma mit ein. Aus einem Segelurlaub, der zwei Wochen dauern sollte, wurde eine fünfmonatige Reise. Denn beide stellten fest, dass sie ja genauso gut an Board arbeiten können.

„Hier scheint nicht gerade oft die Sonne und es ist kalt. Können wir das nicht auch irgendwo machen, wo es warm ist?“, fragte Maren Wagener am Ende einer längeren Reise. Das Paar beschloss, es einfach zu versuchen: leben und arbeiten auf einem Segelboot. „2012 haben wir angefangen, uns auf dieses Leben vorzubereiten“, sagt Wagener. Sie machten Kurse zum Wettertraining und für Notfälle, ließen sich ein neues, sicheres Schiff bauen, verkauften ihr Auto. Sie heirateten.

Im März 2015 war es so weit: Sie fuhren mit einem Transporter und ihrem Boot nach Frankreich und zogen um, aufs Wasser. „Wir sind nicht ausgestiegen, sondern umgezogen“, sagt Wagener. Sie formuliert das so: deutsche Staatsbürger mit sehr flexiblem Wohnsitz. Ihre neue Wohnung ist 14,5 Meter lang, hat drei Kabinen und einen kleinen Salon.

Von Frankreich über Spanien bis nach Griechenland

Seither sei ihr Leben ein schöner Mix aus Urlaub und Arbeit, sagt Wagener. Die beiden arbeiten meistens über das Mobilfunknetz, in Küstennähe sei der Empfang fast immer gut, manchmal setzen sie sich auch in Bars oder Restaurants. Früh aufstehen, bis 14 oder 15 Uhr arbeiten und dann den Ort erkunden – das sei so ihr Arbeitsalltag, sagt sie. Erreichbar seien sie aber immer.

Im ersten Jahr segelte das Paar von Frankreich über Spanien nach Gibraltar, im zweiten Jahr blieben sie lange in Sardinien, vergangenes Jahr lange in Griechenland. „Wenn wir viel zu tun haben, bleiben wir länger an einem Ort“, sagt Wagener.

In Deutschland sind sie noch drei- bis viermal im Jahr, um Familie und Freunde zu besuchen und um sich mit ihren Mitarbeitern und Kunden zu treffen. Sie bekommen aber auch viel Besuch. „Wir sehen unsere Freunde und unsere Familien nicht mehr so oft wie früher, aber dafür sind sie länger da, und wir können die Zeit mit ihnen intensiver nutzen.“ Außerdem lerne man viele neue Leute kennen. „Es gibt gar nicht so wenige Menschen, die so leben wie wir.“

Nicht träumen, sondern machen

Immer im Frühling veranstaltet das Paar ein Frühlingsfest, bei dem alle zusammenkommen. Für ihre Mitarbeiter sei es kein Problem gewesen, dass sie ihr Büro aufs Wasser verlegten, sagt Wagener. Und auch ihre Kunden fänden das gut. Deswegen baue sie ihr Motto jetzt auch immer in Präsentationen ein: „Have a boat and sail it, too.“ Man muss einfach machen, sagt sie. Das Leben sei viel zu kurz, um Träume nur zu träumen.

Neue Arbeitswelt

Einen klassischen Acht-Stunden-Tag haben immer weniger Beschäftigte in Deutschland. Die Arbeitswelt wird flexibler – durch Modelle wie Gleitzeit, Homeoffice oder Arbeitszeitkonten. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion Anfang des Jahres ging hervor, dass der Anteil der Betriebe mit Homeoffice-Angeboten 2006 bei 15 Prozent lag und 2016 schon bei 29 Prozent. Doch flexibles Arbeiten hat auch eine Kehrseite: Überstunden werden oft nicht erfasst, und der Mitarbeiter muss ständig erreichbar sein.