Frau Zühlke, können Sie uns kurz erklären, was Künstliche Intelligenz genau ist?

Zunächst ist Künstliche Intelligenz kein neues Thema. Die Statistik beschäftigt sich schon seit 60 Jahren mit Künstlicher Intelligenz. Der Grund, dass das Thema in den vergangenen Jahren zunehmend an Aufmerksamkeit und Popularität gewonnen hat, ist die rasante Entwicklung im Hinblick auf die Verfügbarkeit von Daten, Algorithmen und technischen Fortschritt.

Künstliche Intelligenz ist heutzutage ein Sammelbegriff für Techniken wie Machine Learning und Deep Learning, mit deren Hilfe ein Computer Aufgaben erledigen kann, für die ein Mensch Intelligenz benötigt. Dies beinhaltet die Aufnahme von strukturierten und unstrukturierten Informationen und Daten, das Verstehen eben dieser Daten, die darauf basierende Handlung und – dieser Aspekt ist zentral für die Beschreibung von KI – das selbstständige Lernen.

Worin sehen Sie die großen Herausforderungen im Umgang mit KI?

Die rasante und anscheinend unaufhaltsame Entwicklung dieser Technologien wird nachhaltige Implikationen auf unsere Gesellschaft haben. Eine der größten Herausforderungen besteht in dem Verhältnis, welches der Mensch zukünftig zur Künstlichen Intelligenz haben wird. Ist sie lediglich ein Vehikel, das dem Menschen „dient“, um ihn zu entlasten, oder führt die in vielen Aspekten vorhandene Überlegenheit der Künstlichen Intelligenz dazu, dass sie als gleichberechtigt angesehen werden muss?

Wann haben wir eine KI, die schlauer ist als der Mensch?

Grundsätzlich wird zwischen schwacher und starker Künstlicher Intelligenz unterschieden. Während die schwache Künstliche Intelligenz den Menschen bei der Lösung einzelner, abgegrenzter Problemstellungen unterstützt, besitzt die starke Künstliche Intelligenz mindestens die gleichen kognitiven Fähigkeiten wie der Mensch. Die starke KI ist in der Lage, eigenständige Entscheidungen zu treffen und kann beispielsweise Emotionen sowohl verarbeiten als auch zeigen. Bisher ist keine Form von starker Künstlicher Intelligenz bekannt, und eine Prognose, wann dies der Fall sein wird, ist nur schwer möglich und gleicht einem Blick in die Glaskugel. Gleichzeitig wird bereits seit einigen Jahren diskutiert, wie starke Künstliche Intelligenz identifiziert werden kann. Bisher wird hierzu vor allem der sogenannte Turing-Test eingesetzt, bei dem sich ein Mensch über einen längeren Zeitraum ohne Sichtkontakt mit einer anderen Person sowie einer KI unterhält. Ist es der Testperson nicht möglich, den Unterschied zwischen Mensch und Maschine zu erkennen, hat die KI den Test bestanden.

Welche Unternehmensbereiche werden sich durch den Einsatz von KI am stärksten verändern?

Wenn wir zunächst generell einen Blick auf die wirtschaftlichen Vorteile werfen, die sich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz ergeben, wird deutlich, dass Steigerung der Effizienz und Produktivität, die Reduktion von Kosten und damit verbunden eine gesteigerte Profitabilität die größten Treiber für den Einsatz von KI sind.

Die im Rahmen unserer Studie „Wertschöpfung neu gedacht“ durchgeführten Analysen von Trend-Cases zeigen, dass KI-Anwendungen aktuell mit 54 Prozent im sogenannten Front Office, also Marketing, Vertrieb und Kundenservice, zum Einsatz kommen. Im Middle Office (Entwicklung, Supply Chain, Einkauf und Produktion) finden sich derzeit 24 Prozent und im Back Office 22 Prozent der Anwendungsfälle.

Insbesondere Anwendungen basierend auf Sensorik zur Bilderkennung sowie virtuelle Assistenten sind bereits weit verbreitet.

Welchen Vorteil hat der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Einkauf?

Der Einkauf ist in seiner Funktion der „Herrscher über die Kosten“ und per Definition ein Treiber der Effizienz und des Kostenbewusstseins. Wie vorhin kurz erläutert ist einer der größten wirtschaftlichen Vorteile von KI die Steigerung der Effizienz und Produktivität. Somit wird der Einkauf in seiner Funktion unterstützt und kann mittels Künstlicher Intelligenz seine Ziele leichter erreichen.

In welchem Umfang wird KI bereits im Einkauf eingesetzt?

Die Optimierung des Einkaufs mittels Digitalisierung und Automatisierung – und damit einhergehend die Nutzung von Künstlicher Intelligenz – ist schon seit Langem ein Thema im Einkauf. Der Einsatz von KI rechnet sich natürlich dann, wenn eine Vielzahl an operativen und repetitiven Tätigkeiten reduziert werden kann und der Einkäufer optimal unterstützt wird.

Um ein paar Beispiele zu nennen: Bereits einfache Bots können das Stammdatenmanagement im Einkauf übernehmen und so große Datenpakete überprüfen und bei Bedarf Fehler verbessern (Lieferantendubletten, Zahlungsbedingungen etc.). Auch den operativen Bestellprozess kann die KI effektiver und ressourcenärmer gestalten, zum Beispiel durch die Unterstützung des Drei-Wege-Abgleichs von Bestellungen, Lieferscheinen und Rechnungen. Besonders interessant dürfte die KI dann sein, wenn es um Marktanalysen und das Erstellen von Warengruppenstrategien geht. So können beispielsweise potenzielle Risiken innerhalb einer Warengruppe oder bei spezifischen Lieferanten frühzeitig identifiziert werden. Mit Hilfe von KI behalten strategische Einkäufer stets den Markt ihrer Warengruppe im Blick.

Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmen, die sich intensiver mit dem Thema KI beschäftigen möchten?

Künstliche Intelligenz wird unsere Arbeitswelt einschneidend verändern. Gleichzeitig erleben wir, wie viele Kunden trotz der schnellen technologischen Entwicklungen immer noch Skepsis zeigen. Ein häufiges Vorurteil ist, dass Anwendungen auf Basis von Künstlicher Intelligenz für das eigene Unternehmen viel zu komplex, zeitintensiv und kostspielig sind. Doch dies ist nicht der Fall. Meist finden sich geeignete KI-Piloten, welche die Mitarbeiter durch die Übernahme von repetitiven und administrativen Aufgaben entlasten, schon nach nur wenigen Gesprächen. Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz ist keine Raketenwissenschaft – Unternehmen müssen jedoch anfangen, sich intensiver mit dem Thema sowie den Auswirkungen auf unsere heutigen Strukturen, Prozesse und Kompetenzen auseinanderzusetzen.

Vielen Dank für das Interview!