Afrikas Wirtschaft wächst

Afrika hat eine neue Entwicklungsstufe erreicht: Seit der Jahrtausendwende hat sich Afrikas Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf verfünffacht. 2017 lag das BIP des gesamten Kontinents bei 2.250 Milliarden US-Dollar und damit etwa auf Höhe der Wirtschaftskraft Frankreichs, so die Studie „Hype oder Markt? – Strategien und Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft in Afrika“ von KPMG und Handelsblatt Research Institute. Im Rahmen der Untersuchung wurden 400 deutsche Unternehmen und zahlreiche Experten befragt.

Ernstzunehmender Standortanbieter in der Beschaffung

Der Kontinent erlebt laut der Studie einen starken Aufschwung und überspringt dabei technologische Entwicklungsstufen: Statt Festnetztelefon nutzen viele gleich das Handy, statt über Bankfilialen laufen Zahlungsgeschäfte per Mobilfunk. Und statt aus Kraftwerken kommt der Strom aus dezentralen Solaranlagen. Jetzt benötigt Afrika das, was die deutsche Industrie besser als viele andere liefern kann: Infrastruktur für den Verkehr und die Kommunikation sowie Maschinen und Anlagen für den Aufbau einer Industrie.

Vor diesem Hintergrund ist es in vielen Branchen nicht mehr die Frage, ob man sich im Bereich Logistik in Afrika engagieren sollte, sondern wie. „Dieses Geschäft sollte Deutschland als führende Exportnation nicht den Konkurrenten aus Europa, Amerika und Fernost überlassen“, bekräftigt Gabor Steingart, Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt.

Direktinvestitionen nehmen zu

Nach den Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das BIP in Subsahara-Afrika bis 2020 um 4,9 Prozent pro Jahr zunehmen. Die deutschen Direktinvestitionen der rund 800 in Afrika aktiven Firmen stiegen nach Angaben der Deutschen Bundesbank 2014 um 13,1 Prozent auf 9,7 Milliarden Euro (Quelle: KPMG).

„Afrika ist längst nicht mehr nur das Sorgenkind der Welt, sondern ein echter Wachstumsmarkt mit einer stark wachsenden Bevölkerung und Mittelschicht“, sagt Wulf-Christian Ehrich, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK zu Dortmund und Leiter des Bereichs Internationales.

Hohes Maß an Flexibilität und Kreativität sind gefragt

Bei der Entwicklung von international wettbewerbsfähigen Supply-Chain-Modellen stellen die vielfältigen geografischen, ökonomischen und politischen Bedingungen gemäß der KPMG-Studie eine große Herausforderung für die Unternehmen dar. Doch die Anpassung der Geschäftstätigkeit und der Versorgungsmodelle an die jeweils landestypischen Bedingungen zahlt sich langfristig aus.

Ein Erfolgsbeispiel dafür liefert Coca-Cola. Bereits seit 2011 baut der Getränkehersteller seine Logistik in Afrika kontinuierlich aus. Derzeit betreibt der Konzern dort mehr als 145 Abfüllanlagen und beschäftigt über 70.000 Menschen. Coca-Cola hat zudem rund 3.000 Vertriebszentren über den ganzen Kontinent verteilt, die von lokalen Managern mit einheimischen Mitarbeitern betrieben werden.

Dr. Marcus Felsner, geschäftsführender Partner bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner, hält diese Art der Geschäftsführung in Entwicklungsländern für richtig: „Erfolg auf afrikanischen Märkten verlangt intensive Auseinandersetzung mit den individuellen Anforderungen jedes einzelnen Landes und eine im weltweiten Vergleich besonders intensive Einbindung der lokalen Teams in die Strukturen und Prozesse des europäischen Stammhauses.“

Preis ist Hauptkriterium der Lieferantenauswahl

Im Gegensatz zu den Märkten der Industrieländer, auf denen es bei der Lieferantenauswahl neben der Kosteneffizienz vor allem auf Kriterien wie Produktdesign, Innovationsfähigkeit und Liefertermintreue ankommt, gilt es in Sachen Logistik in Afrika und Entwicklungsregionen generell, die Produktionskosten zu reduzieren. Schließlich sind die Kosten (einschließlich der Arbeitslöhne, Logistikkosten und/oder Transaktionskosten) laut KMPG-Studie das Hauptkriterium für die Auswahl von Lieferanten in Entwicklungsländern.

Logistik in Afrika: Technologische und kulturelle Differenzen

Kulturelle Unterschiede, das Fehlen einer gemeinsamen Sprache, geografische Entfernungen sowie technologische, soziale und zeitliche Differenzen verunsichern westliche Marktteilnehmer. Die KMPG-Studie belegt, dass viele Unternehmen über die Zugänglichkeit von afrikanischen Lieferanten besorgt sind. Um zu verhindern, dass möglicherweise geografische und kulturelle Differenzen beim Aufbau einer internationalen Supply Chain zur Belastung werden, sollten diese im Vorfeld also genau analysiert und bei der Planung berücksichtigt werden.

Qualität und Zuverlässigkeit als Kriterien

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Viele Beschaffungsunternehmen suchen bei der Auswahl von Lieferanten in Entwicklungsländern verstärkt nach Nachweisen für Qualität und Zuverlässigkeit. Solche Kriterien dienen als wichtige Unterscheidungsmerkmale bei der Auswahl potenzieller Lieferanten in einem gewählten Entwicklungsland.  

Als Faktoren, die die Auswahl negativ beeinflussen, nennen die Teilnehmer der Studie beispielsweise mangelhafte Liefertermintreue, Probleme bei der Einhaltung von Qualitätsstandards, politische Instabilität, Grenzprobleme, Arbeitskultur und fehlende Zertifizierungen.

Welche Rolle spielen politische Faktoren?

Die politische Situation eines potenziellen Beschaffungslandes kann sich kritisch auf die Lieferkette auswirken. Politische Instabilität macht Vermögenswerte oft anfällig, was zu unzuverlässigen Lieferungen und höheren Transaktionskosten führt. Viele Studienteilnehmer geben an, dass verschiedene politische, wirtschaftliche und soziokulturelle Faktoren die Auswahl ihres Beschaffungslandes beeinflussen – zum Beispiel Religion, Menschenrechtsverletzungen und Kinderarbeit.

Logistik in Afrika: Ein Fazit

Es wäre falsch, die Risiken, die Afrika bei Logistik und Beschaffung mit sich bringt, zu verschweigen. Aber noch verkehrter wäre es, die Chancen zu übersehen, die der Kontinent bietet. Notfallszenarien scheinen ebenso unverzichtbar wie kulturelle Toleranz. Sind diese aber gegeben, steht einem erfolgreichen Einkauf in Afrika nichts im Weg.