Auf der anderen Seite stehen eine aktuelle Inflationsrate von 20,3 Prozent sowie ein türkischer Leitzins in Höhe von 24 Prozent (Stand: Januar 2019). Und: Die Kommunalwahlen im März 2019 stehen bevor, die auf Kostenseite einiges verändern können. Wie steht es also um den Beschaffungsmarkt Türkei? Machen Sie sich ein eigenes Bild.

Fakten zum Beschaffungsmarkt Türkei

Der Beschaffungsmarkt Türkei gilt als einer der attraktivsten Märkte unter den Niedrigkostenländern und bietet ein enormes Zukunftspotenzial für den Einkauf. Die türkische Wirtschaft wuchs allein 2017 um 7,4 Prozent – das schaffte nicht einmal China. Ein Grund hierfür ist das umfangreiche Konjunkturprogramm der türkischen Regierung, die viel Geld in die Wirtschaft pumpt.

Die Türkei punktet schon seit langem mit günstigen Preisen, qualitativ guten Produkten, zuverlässigen Lieferanten und kurzen Lieferzeiten. Das Land liegt strategisch günstig zwischen Europa und Asien: Die Entfernung zwischen Istanbul und Berlin beträgt gerade einmal 2.200 Kilometer. Und: Die Türkei ist Mitglied der EU-Zoll-Union. Aus globaler Sicht hat sich die Türkei deshalb zu einem hochinteressanten Beschaffungsmarkt entwickelt. Viele Einkaufsexperten sehen die Türkei gar als das China Europas.

Beschaffungsmarkt Türkei: Bekleidung und Textilien

Der Körperschaftsteuersatz liegt in der Türkei aktuell bei 22 Prozent und ist somit um drei Prozent niedriger als in den beiden wichtigsten Konkurrenzländern für Bekleidungsexporte: China und Bangladesch. Außerdem hat die Regierung eine ganze Reihe von Anreizen und Fördermöglichkeiten zur Stärkung und Expansion der verarbeitenden Industrie geschaffen. 2017 exportierte die Türkei Bekleidung im Wert von 14,8 Milliarden US-Dollar. Der größte Teil – 73 Prozent – landete in der EU.

Einen Wettbewerbsnachteil hat die Türkei in Bezug auf Bekleidung und Textilien allerdings: Die Lohnkosten sind mit 550 US-Dollar pro Monat im Vergleich zu anderen Produktions-Hotspots hoch. Zum Vergleich: In Bangladesch betragen die Lohnkosten im Monat rund 65 Dollar, in Pakistan 100 Dollar, in Vietnam 130 Dollar und in China zwischen 150 und 275 Dollar.

Allerdings sind diese Kosten nicht in Stein gemeißelt. In Bangladesch und Vietnam gibt es aktuell Initiativen, die auf eine erhebliche Anhebung des Mindestlohns abzielen. Und in China sind die Monatslöhne im vergangenen Jahrzehnt um 188 Prozent angestiegen.

Beschaffungsmarkt Türkei: Maschinenbau und Werkzeugmaschinen

Der türkische Maschinenbau ist der siebtgrößte Wirtschaftszweig des Landes. Wichtigster Außenhandelspartner in diesem Sektor: Deutschland. Der Wert der Exporte nach Deutschland belief sich 2016 laut Beschaffung Aktuell auf 2,1 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 betrug der Gesamtexport aller Waren nach Deutschland 13,7 Milliarden Dollar.

Der vor allem im Nordwesten des Landes sowie rund um Izmir und Ankara ansässige Maschinenbau produziert auch Werkzeuge für Autobauer und Hersteller von Haushaltsgeräten – vorausgesetzt, die Spritzguss-, Blechumform-, Guss- und Stanzwerkzeuge sind technologisch nicht zu komplex.

Insgesamt ist der Beschaffungsmarkt Türkei vor allem für mittelständische und große deutsche Maschinenbauunternehmen interessant. Die starke Zulieferindustrie des Landes bietet bei der Modularisierung von Maschinenkomponenten perfekte Voraussetzungen. Weiterhin gibt es Potenziale in den Bereichen Kunststoffmaschinen, Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Druck- und Papiermaschinen sowie Maschinen für den Textil- und Bekleidungsmarkt.

Beschaffungsmarkt Türkei: Rohstoffe

Das seltene Halbmetall Bor findet vielfältige Anwendungen in verschiedenen Industriezweigen. Waschmittelhersteller beispielsweise verwenden Bor als Bleichmittel. Die Glasindustrie benötigt Bor für die Produktion von Gläsern und Keramiken mit hoher Chemikalienresistenz und Temperaturwechselbeständigkeit. In der Halbleiterindustrie wird Bor zur Dotierung verwendet. Und in der Raketen- und Rüstungsindustrie ist Bor als wichtiger Treibstoffbestandteil gefragt.

Was das alles mit der Türkei zu tun hat? Ziemlich viel: Kein anderes Land auf der Welt hat größere Bor-Reserven. Ganze 73 Prozent der globalen Vorkommen lagern dort. Bor ist nicht der einzige Rohstoff, den die Türkei zu bieten hat. Das Land am Bosporus verfügt zudem über beträchtliche Kohle-, Kupfer-, und Eisenerzvorkommen sowie Industrierohstoffe wie Chrom, Strontium, Antimon, Gold und Quecksilber.

Was bringt die Zukunft?

Aktuell versucht die Türkei, ihren Wettbewerbsvorteil auszubauen. Bis 2023 sollen das Exportziel von 500 Milliarden US-Dollar und ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von zwei Billionen US-Dollar erreicht werden. Dafür hat das Land eine ganze Reihe an wachstumsfördernden Investitionen und Verbesserungen angestoßen. Die Türkei plant beispielsweise zusätzliche 13.000 Kilometer neue Straßen und 12.000 Kilometer neue Schienen, um den Transport zu erleichtern. Außerdem gibt es Pläne, die Zahl der Logistikzentren bis 2023 von acht auf 21 zu erhöhen.

Die Risiken des Beschaffungsmarkts Türkei

Die Auslandsschulden des türkischen Privatsektors belaufen sich mittlerweile auf 228 Milliarden Dollar – das entspricht knapp einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts. Viele Investoren haben außerdem durch die Zunahme an staatlicher Willkür nach dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 das Vertrauen in die Türkei verloren und ziehen ihre Einlagen ab.

So brachen die ausländischen Direktinvestitionen zwischen Januar und März 2018 um 28 Prozent ein. Die türkischen Banken können diese immensen Kapitalflüsse nicht ausgleichen und verlangen inzwischen für Kredite in Lira bis zu 30 Prozent Zinsen. Der Leitzins der türkischen Notenbank beträgt aktuell 24 Prozent (Stand: Januar 2019). Im Dezember 2018 lag die Inflation bei 20,3 Prozent – immerhin eine Verbesserung zum Oktober desselben Jahres, als die Inflation das 15-Jahres-Hoch von 25 Prozent erreichte.

Wie weit die Türkei vom Staatsbankrott entfernt ist, können derzeit selbst Experten nur schwer einschätzen. Fest steht: Die aktuelle Lira-Krise könnte zu zahlreichen Insolvenzen unter in Fremdwährung verschuldeten türkischen Lieferanten führen.

Kommunalwahlen Ende März 2019

In der Türkei finden Ende März 2019 Kommunalwahlen statt. Die Regierungspartei AKP und die Oppositionspartei CHP machen handfeste Versprechungen, um die Wähler an die Urnen zu locken.

Die AKP hat dafür gesorgt, dass der gesetzliche Mindestlohn zum Jahresbeginn 2019 um 26 Prozent auf umgerechnet monatlich fast 400 Euro angestiegen ist. Außerdem gibt die Regierung auf die staatlich regulierten Preise für Hausstrom und -gas einen Rabatt von zehn Prozent. Die Mehrwertsteuer sowie eine Verbrauchssteuer für Luxusgüter bleiben für drei weitere Monate reduziert, wie der seit Juli 2018 amtierende türkische Finanzminister Berat Albayrak bekanntgab.

Ähnliche Instrumente nutzte die deutsche Regierung in der Finanzkrise vor rund zehn Jahren, um ein Abwürgen der Wirtschaft zu vermeiden – Stichworte: Abwrackprämie und staatlich geförderte Kurzarbeit. Wohin diese Maßnahmen in der Türkei führen, bleibt abzuwarten.

Fazit

Die türkische Wirtschaft ist grundsätzlich volatiler als die deutsche und reagiert auf Krisen deutlich sensibler. Dennoch: Der Beschaffungsmarkt Türkei sollte vom Einkauf nicht unterschätzt werden. Sowohl die Fertigung als auch die Beschaffung in der Türkei können die Einkaufskosten stark senken, Margen erhöhen, Produkte verbessern und die Position eines Unternehmens am Markt sichern oder gar ausbauen.

Werfen Sie also zunächst einen Blick auf den Beschaffungsmarkt Türkei, bevor Sie in Fernost recherchieren. Mit dem richtigen türkischen Partner können Sie wahrscheinlich mehr herausholen als in Fernost.