Supply Chain Management: Besser verstehen mithilfe von Bier

Das 1960 vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelte und mittlerweile auch als App erhältliche „Bierspiel“ ist eine Art Flugsimulator für Manager. Das Spiel bietet Lieferketten-Verantwortlichen die Möglichkeit, die Folgen ihres (nicht immer fehlerfreien) Handelns anhand logistischer Abläufe der Bier-Branche direkt zu erleben. Im Grunde ist aber egal, ob Bier, Tee oder Fruchtsaft durch die Supply-Chain verschickt wird. Dies ändert nichts an den grundlegenden Aussagen der Simulation.

Versionen des Bierspiels

Das Beer Distribution Game kann allein gespielt werden. Realitätsnäher ist es jedoch in der Gruppe und unter der Anleitung eines Spielführers. Gespielt wird das Bierspiel meist in der Brettspiel-Variante. Es gibt aber auch noch eine Tischversion, die mit Hilfe von Zetteln gespielt wird, auf die die Spieler Zahlen schreiben. Ein praktischer Ansatz, um Bestellungen und Bestände in der Lieferkette zu verschieben.

Seit einiger Zeit gibt es auch eine kostenlose App für iPad und iPhone. Die App verbessert das Bierspiel durch zusätzliche Funktionen und Echtzeitanalysen, einschließlich grafischem Bestellverhalten und Bestandsvisualisierung.

Vorbereitung und Grundregeln

Ein Mitspieler wird zum Spielleiter ernannt und fungiert als Kunde. Alle anderen Teilnehmer haben zu Beginn des Spiels die Möglichkeit zu entscheiden, welchen Part der Lieferkette sie übernehmen möchten: den der Brauerei, den des Abfüllers, den des Großhändlers oder den des Einzelhändlers.

Als Handelsgut gibt es Bierkisten

Am Anfang des Spiels hat jeder Spieler zwölf Kästen Bier als Lageranfangsbestand. Die Lagerhaltungskosten betragen 0,5 Geldeinheiten (GE) pro Woche und Kasten. Die Kosten pro Lieferverzug belaufen sich auf 1 GE pro Woche und Kasten. Das Spiel geht über 52 Runden, wobei jede Runde einer Woche des Geschäftsjahres entspricht. Es sollten zwei bis drei Spiele in Folge gespielt werden, was etwa einer Spieldauer von zwei bis vier Stunden entspricht. 

Spielfiguren als Waren, Listen für die Koordination

Wichtig: Im Verlauf des Spiels dürfen die einzelnen Handelsstufen nur über Bestell- und Liefermengen miteinander sprechen. Dafür brauchen Sie ein paar Münzen oder Spielfiguren, die in der entsprechenden Menge den Warenfluss darstellen. Außerdem benötigen Sie zwei Listen pro Handelsstufe.

 

Liste 1

Liste 1 stellt die Lagerwirtschaft der entsprechenden Handelsstufe dar und verbleibt bei dieser. Sie enthält die Spalten Woche, Anfangsbestand, Wareneingang, Auslieferung und Endbestand. 
 

Woche  Anfangsbestand  Wareneingang  Auslieferung  Endbestand
...............
...............

 

Liste 2

Die zweite Liste dient den einzelnen Handelsstufen zur Kommunikation miteinander. Diese wandert jeweils vom Besteller zum Lieferanten und wieder zurück und wird immer mit den neuen Werten aktualisiert. Diese sind: Woche, Bestellung, Lieferung und Verzug (in Tagen).
 

Woche  Bestellung  Lieferung  Verzug (in Tagen)
............
............

 

Ablauf des Bierspiels

Das ganze Spiel startet damit, dass der Spielleiter (Kunde) seine erste Bestellung tätigt: vier Kästen Bier. Die einzelnen Handelsstufen geben diese Bestellungen dementsprechend an ihre Lieferanten weiter. Der Spielleiter bestellt weiter regelmäßig seine vier Kisten.

Doch dann wird es schwieriger. Der Kunde bestellt plötzlich die doppelte Menge: acht Kisten Bier. An dieser Stelle des Spiels wundern sich die meisten Spieler das erste Mal: trotz dieser einmaligen Änderung schwankt die Nachfrage auf den einzelnen Handelsstufen schon erheblich. Und es kommt zu noch mehr Dynamik. Denn jetzt bringt der Spielleiter neue Aspekte ins Spiel. So ist es den Teilnehmern plötzlich erlaubt, sich über ihre Lieferfähigkeiten auszutauschen, eine Handelsstufe wird ganz entfernt oder auch Schnelllieferungen zwischen der Brauerei und dem Einzelhandel sind möglich.

Quotation mark
Spieler lernen durch das Bierspiel die Dynamik von Lieferketten und vor allem die Entstehung des Bullwhip-Effektes besser zu verstehen.
 

Was lernen die Teilnehmer aus dem Bierspiel?

Spieler lernen durch das Bierspiel die Dynamik von Lieferketten und vor allem die Entstehung des Bullwhip-Effektes besser zu verstehen. Der Bullwhip-Effekt (oder auch: Peitscheneffekt) zeigt einen Trend von immer größer werdenden Schwankungen im Bestand der einzelnen Teilnehmer einer Lieferkette als Reaktion auf eine veränderte Nachfrage – zum Beispiel bei Großereignissen wie dem Oktoberfest. Im Verlauf des Bierspiels zeigt sich, dass jeder Teilnehmer versucht, seine eigene Position zu stärken und schnell die gesamte Lieferkette aus dem Blick verliert.

Die Folge: Das ganze System aus Bestellung, Lieferung und Lagerung wird schnell aufgeschaukelt. Eine erwartete Verknappung führt beispielsweise zu Hamsterkäufen, die eigenen Bestellmengen steigen. Auch wenn keine Abnehmer vorhanden sind, möchte jeder Akteur seine Lieferfähigkeit sicherstellen. Die nachgeordnete Stufe der Kette wird ebenso handeln und den Effekt noch verstärken. Es kommt zum Bullwhip-Effekt.